Anregend, inspirierend, nahbar

Wiesmoor. Es war ein herzerwärmendes Konzert, das die Flötenklasse der Musikhochschule Lübeck unter dem Titel „Flautissimo“ in der Friedenskirche Wiesmoor spielte. Junge Leute, die zielstrebig das Ziel verfolgen, die Musik zu ihrem Beruf zu machen, gestalteten einen Abend, der allein ihrem Instrument gewidmet war. Aber welche Vielfalt an Instrumenten galt es da zu bestaunen: Traversflöten, Piccolo-Flöten, Bass-, Alt- und Sopranquerflöten – und alle wurden mit großer Sicherheit ins Szene gesetzt.

Die gesamte Flötenklasse spielte mit Hochschul-Professorin Angela Firkins Mike Mowers Komposition „Big day for Fluite Choir“. Bilder: Karlheinz Krämer

Die Instrumentalisten, zwischen 20 und 26 Jahre alt, spielten ein Programm, das vom Barock bis zu zeitgenössischer Musik reichte. In der nüchternen Atmosphäre der schlicht, aber hochwertig gestalteten Friedenskirche lernten die 150 Besucher das Staunen. Denn schon die Begrüßung mit Händels „Ankunft der Königin von Saba“ war ein wunderbarer Auftakt. Das Arrangement für Flötenorchester stammte von Hans Martin Zill. Er sei ihr Kommilitone gewesen, sagte Flöten-Professorin Angela Firkins. Sie selber ist nicht nur ambitionierte Musikerin und Lehrerin, sondern auch die Schwester von Tanja und Christian Tetzlaff. Die musikalische Welt ist groß – und doch auch wieder ganz klein.

Moderierte den Abend: Professor Angela Firkins, Musikhochschule Lübeck

Neben den barocken Werken von Telemann und Bach Vater und Sohn standen moderne Werke, die nicht nur mit den Möglichkeiten der Tonerzeugung spielen, sondern auch mit Worten. Dazu gehörte etwa „Dolce Tormento“ für Piccoloflöte solo der finnischen Komponistin Kaija Saariaho. Dabei entstehen nicht nur Hauch- und Schrill-Laute, sondern es werden Worte aus einem Petrarca-Gedicht über Liebe und Tod flüsternd eingeschoben. Wie Zeynep Bicer das schafft, blieb zwar ohne Erläuterung, es war aber ein schönes Erlebnis, solch ein experimentelles Werk live zu erleben. „Dialogo Angelico per due flauti“ war eine Komposition von Goffredo Petrassi, gespielt von Helena Slama und Genia Rebbelin – natürlich von der Empore herab – wie sich das gehört für einen Dialog der Engel. Einfachheit und Klarheit als Prinzip ergaben eine ganz eigene Ästhetik, die mit der Architektur verblüffend kommunizierte.

Georg Philipp Telemanns Sonate Nr. 8 in G-Dur spielten Nina Buchholz und Lukas Dorfmüller auf Traversflöten, den Querflöten der Barockzeit

Fünf Flöten waren nötig, um eine „Conversatione“ von Raymond Guiot zu realisieren. Guiot, selber Flötist, mischt in die Musik Einflüsse des Jazz und schafft so Klänge von sehr speziellem Reiz. Bravourös umgesetzt wurde das Stück von Genia Rebbelin, Helena Slama, Alisa von Rohden, Zeynep Bicer und Luis König. Das letzte moderne Werk stand am Schluss des Abends und wurde von der gesamten 13-köpfigen Flötenklasse und Angela Firkins gespielt. Mike Mowers „Big Day for Flute Choir“, ebenfalls ein Jazzwerk mit einem Ohrwurm-Thema, das beim Publikum derart gut ankam, dass eine Passage daraus als Zugabe wiederholt wurde.

Spielte mit ihrer Kollegin Xintong Wang, die auf der Orgelempore stand, das „Echo für zwei Flöten“ von Joseph Haydn: Emma Koller

Eine Konfrontation von Alt und Neu bot Bachs Partita a-Moll für Flöte solo, die von dem Oboisten Heinz Holliger Satz für Satz mit einer modernen Fassung versehen worden war. Diese Neufassungen waren Ideenreich, witzig, vollständig unkonventionell und ein Riesenspaß. Lukas Dorfmüller und Johanna Wilkening setzten das wunderbar um. Und dann war da noch das berühmte Scherzo aus dem Sommernachtstraum, das Imke Michaels und Anne Koch in ununterbrochen bewegten Noten spielten und das mit einem Riesenapplaus versehen wurde.

In der Pause durften die Gäste sich im weitläufigen Garten ergehen

Wenn man ein wenig in den Biographien der jungen Musiker stöbert, dann wird deutlich, dass sie schon in jugendlichem Alter besondere Biographien aufweisen. Da ist eine Musikerin, die fließend vier Sprachen spricht, eine andere studiert parallel Musik und Medizin, eine weitere spielt Querflöte und Harfe, wieder andere absolvieren Auslandssemester, werden mit Stipendien bedacht, sind mehrfache Preisträger, spielen in namhaften Orchestern, haben eigene Ensembles gegründet, spezialisieren sich auf Neue oder Alte Musik, sie kommen aus China oder Finnland, aus Japan oder der Türkei, aus Italien oder der Ukraine. Allen gemeinsam aber ist: sie treffen sich in der Klasse von Professor Firkins, die offenbar ein besonderes Händchen für die Ausbildung junger Musiker hat.

Wurde erstmals von den Gezeitenkonzerten bespielt: die Friedenskirche in Wiesmoor

Und das Fazit des Abends? Es war: anregend, inspirierend, nahbar, einfach wunderbar! Flautissimo war nach Cellissimo und Klarinettisimo das dritte Gezeiten-Format, die sich alleine einem Instrument widmet und dieses in großem Facettenreichtum vorstellt. Und weil stets Klassen von Musikhochschulen im Mittelpunkt stehen, bekommt man quasi auch einen Einblick in die musikalische Zukunft. Und die sieht wirklich nicht schlecht aus!

► Neben den oben genannten jungen Musikern waren weiterhin an dem Konzert beteiligt: Nina Buchholz, Emma Koller, Alina Shinkarova, Karin Toyotome und Xintong Wang.