Nachwuchsmusiker stürmten den Gipfel

Aurich. Die Gezeitenkonzerte hatten zur „Langen Nacht“ eingeladen – und die beiden Abende waren ausverkauft – natürlich. Das Format gehört zu den begehtesten des Festivals, In den zwei Veranstaltungsräumen im Haus der Ostfriesischen Landschaft ging es entsprechend lebhaft zu.

Spielten unter anderem das Werk einer ukrainischen Komponistin: Katharina und Anouchka Hack. Bilder: Karlheinz Krämer

Die „Lange Nacht“ ist ein Wandelkonzert, bei dem die Besucher zu den Musikern kommen. Der Abschluss findet gemeinsam statt. Die Besucher ballen sich dann in einem Raum, die Musiker geben Zugaben – mal heiter, mal klassisch, mal jazzig, mal filmisch, mal in spontan gegründeter Formation, zeigen alles, was sie „drauf“ haben. Somit wird der dritte Teil immer spannungsvoll erwartete. Und er erweist sich dann als eine Art Wundertüte.

Nutzten für ihren Auftritt Kompositionen von Bartók und de Falla: Daniel Daiu und Claire Wells

Doch schon der offizielle Teil, die „Pflicht“, wie der künstlerische Leiter der Gezeitenkonzerte, Matthias Kirschnereit, es nennt, bot bemerkenswerte Leistungen der „handverlesenen“ Beteiligten.
Da war der Tasten-Artist Takuma Onodera, der sowohl eine orientalische Fantasie in virtuosem Tempo gestaltete, als auch bei Mozarts Klaviersonate C-Dur KV 330 luftiges Temperament bezeugte. Was er mit Mila Balakirews „Islamej“ anstellte, war schlicht atemberaubend. Die mit dem Schwierigkeitsgrad „schwer“ bewertete Fantasie gebärdet sich wild, dynamisch und kompromisslos. Onodora blieb auch bei den Zugaben in dieser Klasse, wirkte dabei stets locker und freudig.


Eine Qualität für sich bot das Duo Anouchka Hack und Katharina Hack. Die Cellistin und die Pianistin begannen mit dem berühmten Lied „Morgen!“ von Richard Strauss und demonstrierten delikate Zartheit. Hinreißend auch Fanny Hensels „Schwanenlied“ aus den Sechs Liedern“, op. 1 – ein feines musikalisches Gespinst, dem das melancholische Cello Charakter gab. Schwelgerisch agierten die beiden in Marina Baranovas „Alle Menschen werden Schwestern“. Kein Wunder, hat doch die ukrainische Komponisten das klangvolle Stück den beiden musizierenden Schwestern gewidmet. Im Zugabenteil spielte Katharina unter anderem „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“, was dem Plenum nach den ersten beiden Takten schon ein erkennendes „Ooo…“ entlockte. Derweil zeigte Anouchka, „wie man ein Duett alleine spielen kann“.

Spielte Werke von Mozart und Balakirew: Pianist Takuma Onodera

Zwei Schauspieler waren dabei: Jasper Adam Friedrich und Luisa Camille, die beide einen je zehnminütigen Dialog vortrugen, um im dritten Teil eine Bewegungsimprovisation gestalteten. Ungewöhnlich, aber eindrucksvoll. Sopranistin Laura Albert und ihr Klavierpartner Justus Gericks begannen mit dreien von Mahlers anspruchsvollen „Fünf Rückert-Liedern“, darunter das berührend schöne „Ich bin der Welt abhanden gekommen“. Beide bewiesen dabei eine erschütternde Intensität. Diese löste sich dynamisch in zwei Opernarien auf. Albert sang mit kraftvoll sich aufschwingender Stimme die Arie der Mimi aus Puccinis „La Bohéme“ und – auf tschechisch – das „Lied an den Mond“, die Arie der Rusalka aus der gleichnamigen Oper von Antonin Dvorák.

Sopranistin Laura Albert und ihr Klavierbegleiter Justus Gericks

Claire Wells (Violine) und Daniel Daiu (Gitarre) gestalteten rumänische (Bela Bartók) und spanische (Manuel de Falla) Volkstänze mit feinem Gefühl für Nuancen und einen bestechend schönen Klang. Später kam noch Tango hinzu: Claire Wells spielte mit den Hack.-Schwestern als Trio den „Winter“ aus den „Vier Jahreszeiten“ von Astor Piazzolla. Innig und wunderschön.


Moderiert wurde der Abend, der erst kurz vor Mitternacht endete, von Matthias Kirschnereit und Ulf Brenken, die beide in gewohnt launiger Manier allerhand Wissenswertes zum Programm und den Protagonisten beisteuerten.

Endlos lange Teetafel der Firme Thiele Tee