Ostfriesland – bei Tag und Nacht

Leer-Loga. In Schloss Evenburg in Leer ist eine Ausstellung eröffnet worden, die „Ostfriesische Impressionen aus der Sammlung des Kunsthauses Leer“ zeigt. Die Leiterin des seit 2012 bestehenden Hauses, Susanne Augat, hat die Schau, die 56 Arbeiten zeigt, selber eröffnet. Die Werke stammen aus den sogenannten „Vorlässen“, das sind Sammlungen, die zu Lebzeiten von Künstlern an das Kunsthaus Leer übergeben werden. Ansonsten nimmt die Einrichtung des Landkreises Leer vor allem Nachlässe hiesiger Künstler auf, um einen Teil des ostfriesischen kulturellen Erbes für die Nachwelt zu erhalten und der in der Region entstandenen Kunst ein dauerhaftes Zuhause zu geben.

Susanne Augat, Leiterin des Kunsthauses Leer, bei der Eröffnung in der Evenburg. Bilder: Wolfgang Mauersberger

Generell gäbe es bei der Aufnahme künstlerischer Medien kaum Einschränkungen, sagte Augat. Daher beinhalte die Ausstellung neben Gemälden und Arbeiten auf Papier auch dreidimensionale Exponate. Hierzu zählten Pop-Up-Objekte aus Karton von Peter Geithe, Glasobjekte von Alfred Kaufner sowie aus entsorgten Alltagsgegenständen gefertigte Werke von Traud´l Knoess. Diese füge Fundstücke nach einem „intensiven Gedankenspiel mit Worten und Begriffen zu Werken mit neuer Sinngebung und nicht selten mit einer humorvollen Pointe zusammen“.

Weil Susanne Augat „ihre“ Künstler so genau kennt, sei hier ihre Einordnung im Wortlaut des Vortrags der Ausstellungseröffnung in Auszügen abgedruckt.

Ulrich Schnelle findet seine Sujets zumeist in der Natur, nimmt sie mit der Kamera auf und verfremdet sie während des Malprozesses, sodass als Ergebnis kraftvolle, energiegeladene Werke zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion entstehen. Helmut Feldmann zeigt von Wolken, Wasser und Wind durchwirkte, verinnerlichte Landschaftsausschnitte, während Hartmut Bleß nächtliche Straßenszenen und die zuweilen damit verbundene Einsamkeit des Menschen vor Augen führt.

Besucher der Ausstellungseröffnung von „Ostfriesische Impressionen“

Die ostfriesische Nacht mit ihren kosmischen Erscheinungen ist auch das Thema von Marikke Heinz-Hoek und Edith Pundt, deren mit Permanentmarkern bearbeitete Fotografien ausgestellt sind. Außerdem begegnen hier mit höchster technischer Präzision ausgeführte Stillleben von Hanna Lömker-Rühmann, ebenfalls von nächtlicher Dunkelheit geprägt. Im Gegensatz dazu erstrahlen die mit Marmor, Travertin und Eisen kombinierten Glasobjekte von Alfred Kaufner. Erst durch das auf sie treffende Licht erhalten die Objekte ihre Farbigkeit, welche je nach Standpunkt und Lichteinfall variiert.

Johann Rosenboom zeigt einen nicht näher bezeichneten Fluss und Schloss Evenburg in leuchtenden Farben an der Grenze zur Abstraktion. Herbert Müller präsentiert Ostfrieslands Weite in Öl auf Japanpapier. Charakteristisch für diese Arbeiten ist unter anderem die Horizontverschiebung. Abhängig davon, ob der Künstler sein Augenmerk auf Felder und Wiesen oder auf die mächtigen Wolkenformationen am Himmel lenken möchte, setzt er entweder einen sehr niedrigen oder hohen Horizont ein. Fand Müller während der Corona-Pandemie zu einem knalligen, beinahe in den Augen brennenden Orangeton für die Gestaltung seiner Rapsfelder, so schuf Hilke Deutscher zu dieser Zeit überwiegend kleinformatige, tagebuchartige, ephemere Landschaftsstimmungen in zerfließenden Farben des Aquarells aus der Erinnerung.

Anregende Gespräche: die Künstler Herbert Müller und Marikke Heinz-Hoek

Marikke Heinz-Hoek verwendet Fotokopien anderer Künstler oder eigener früherer Zeichnungen als Untergründe, um ihre Kindheitslandschaft, das Rheiderland, ebenfalls aus dem Gedächtnis heraus darauf zu gestalten. Die Schafsporträts ihrer Kollegin Edith Pundt entstanden hingegen auf den Deichen jener Region von Angesicht zu Angesicht. Helmut Feldmann wählt das wie von Nebelfeldern durchzogen wirkende, dunstige Moor zum Thema und zeigt es auf verschwimmenden, stark reduzierten, in Schwarz-Weiß gehaltenen Monotypien. Ganz anders – nämlich von kraftvoller, pastoser Farbigkeit – bietet Hartmut Bleß den noch feuchten Boden der nordwestdeutschen Tiefebene auf einem Gemälde dar, ein Bild, das von Ferne betrachtet eine ausgeprägte Klarheit und Tiefenschärfe entfaltet.

Einer der inhaltlichen Schwerpunkte bei der Druckgraphik liegt auf figürlichen Arbeiten von Gerd Rokahr, Ida Oelke und Alrich van Ohlen. Gerd Rokahr erschafft rätselhaft-mehrsinnige Radierungen und thematisiert in ihnen menschliche Befindlichkeiten und Träume. Ida Oelke schneidet „Ein seltsames Paar“ in Holz oder arbeitet zum Thema Mode, indem sie elegante Damen auf dem Laufsteg zeigt, deren Extravaganz mit feinsten Linien betonend. Auch Ahlrich van Ohlens Metier ist der Holzschnitt. Seine Druckgrafiken geben den Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen zwischen Bewegung und Stillstand, Freiheit und Begrenzung wieder.

Musizierten: Seeun Choi und Galina Roreck

Von Menschen verlassene Orte, also sogenannte „Lost Places“, stehen demgegenüber im Zentrum des Interesses von Vitor Ramos. Er entdeckte sie auf Reisen und in der näheren Umgebung. So liegen seinen Siebdrucken Fotografien von verfallenen Industrieanlagen in Wilhelmshaven und Pilsum zugrunde, denen Ramos durch die Kombination mit unregelmäßigen Farbflächen eine besondere Raffinesse und Lebendigkeit verleiht. Auch Peter Geithe reiste viel. Er war jedoch nicht auf der Suche nach vergessenen Orten, sondern fertigte auf seinen Auslandsreisen stets kleinformatige Collagen als Erinnerungsstücke. Die Collage in der Ausstellung zeigt Auszüge aus einer siebzehnteiligen Serie, entstanden während Geithes erster Reise nach Japan.

Da wurde auch fotografiert: Ein Bild von Ulrich Schnelle findet Interesse

Eine Serie „Bäume“ hat Anne Dück-von Essen gearbeitet. Sie schuf sie teils mit verschiedenen Pinseln, teils durch Handauftrag oder mittels „Dripping“, indem sie schwarze Farbe aufs Papier tropfen ließ. Auf andere Weise stellt sie ihre informellen Arbeiten her. Hier trägt Dück-von Essen Ölkreiden in mehrfachen Schichten auf und kratzt sie anschließend mit verschiedenen Gegenständen partiell wieder ab, wodurch sich ein poetischer Bildkosmos aus übereinander lagernden Ebenen, netzartigen Geweben und sich verdichtenden und wieder lösenden Einzelelementen ergibt.“

Zugeordnet: Alrich van Ohlen mit einer Druckgrafik

► Die Ausstellung mit Werken der Sammlung des Kunsthauses Leer ist bis zum 24. August in der Evenburg zu sehen. Geöffnet ist die Schau täglich von 10 bis 18 Uhr. Eintritt: sieben, erm. Vier Euro, Kinder und Jugendliche bis 17 Jahre frei