Eine Sternstunde der kleinen Form

Reepsholt. Tenor Julian Prégardien singt im Rahmen der Gezeitenkonzerte den Liederzyklus „Die Winterreise“ von Franz Schubert – und das Haus ist ausverkauft. Im letzten Jahr waren es „nur“ 150 Besucher, die den Zyklus „Die schöne Müllerin“ in der Neuen Kirche in Emden anhören wollten – und fasziniert waren von dem souveränen Vortrag, mit dem Prégardien die Lieder als Geschichte „erzählte“.

Liedgesang in der Kirche zu Reepsholt: Els Biesemans und Julian Prégardien. Bilder: Karlheinz Krämer

In der Mauritiuskirche Reepsholt ist das schwieriger. Denn die „Winterreise“ birgt keine Handlung, sondern Seelenzustände – noch dazu zumeist melancholisch-depressive. Doch schon das erste der insgesamt 24 Lieder ist ein wirklicher Wegweiser. Der Titel „Gute Nacht“ lässt nicht auf den brisanten Inhalt schließen. Und der ist wirklich erschütternd und bietet den Schlüssel zum gesamten Zyklus: „Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh‘ ich wieder aus.“ Und das Gefühl, fremd in dieser Welt zu sein, durchzieht alle Texte des Dichters Wilhelm Müller. Prégardien zollte diesem Lied daher besondere Intensität, denn: „Muss selbst den Weg mir weisen in dieser Dunkelheit.“


Begleitet wurde Prégardian von Els Biesemans, der an einem historischen Flügel eine hochgradig charaktervolle Begleitung gelang. Die beiden agierten derart intensiv, dass das gesamte Plenum mitgezogen wurde. Und schon zur Pause – nach den ersten zwölf Liedern – gab es enormen Applaus, an dessen Aufrichtigkeit es keinen Zweifel gab.

Lang anhaltender Applaus erfreute die beiden Künstler

Endete der erste Teil mit einer Betrachtung, die das Gefühl von Einsamkeit hinterlässt – zu Tode betrübt -, so setzt sich die Liedführung fort mit dem, was man mit himmelhochjauchzend benennt. Das Herz steht im Zentrum und schlägt der Liebsten entgegen, und Prégardien setzte auf nachdrückliche Betonung bei gehobener Lautstärke. Jedes Lied war von den beiden Protagonisten sorgsam durchgearbeitet, auf seine inhaltliche Relevanz befragt und sehr bewusst in Szene gesetzt – soweit die emotionalen Möglichkeiten dafür Raum gaben.

Liedgesang gehört heute nicht zu den bevorzugten musikalischen Gattungen, aber Prégardien zuzuhören, wie er die Lieder aus dem Kern der Aussage heraus entwickelt Lieder singen zu hören, ist ein großes Vergnügen, gerade, wenn eine solch fantastische musikalische Begleitung die Stimme flankiert. Eine wirkliche Sternstunde einer kleinen Form.