Der ästhetische Blick auf die Dinge
Grimersum. Wir erleben Helga Beisheim auf dem Grimersumer Altendeich in ihrem Atelier. Dort hat sie einen Ausstellungsraum verkleinert nachgebildet – mittels eines Pappkartons – und ihre Arbeiten in einem maßstabsgemäß verkleinerten Format als Digitaldrucke hineingefügt. Vorbereitung auf ihre neue Ausstellung „Das Letzte / gemalt / gedruckt. Helga Beisheim“, die am 27. Juli um 11 Uhr im „Kunst [ ] Raum“ in Bremen eröffnet wird.
Um sich selber einen Überblick zu verschaffen und die spätere Hängung nicht zu einem zeitlichen und organisatorischen Abenteuer werden zu lassen, hat sie den Ausstellungsraum in Miniatur aufgebaut. „Diese Arbeit muss auf jeden Fall mit“, befindet sie und deutet auf ein bestimmtes Bild, die Abstraktion des mittelalterlichen Krönungsmantels Ottos I. Die großformatige Arbeit soll die Stirnseite beherrschen. Aber darf oder soll man das imposante Format, in dem sich Gegenständliches in Geometrisches verwandelt, mit weiteren kleineren Formaten flankieren? Das wird geduldig am Modell ausprobiert und diskutiert.
Die Ausstellung „Das Letzte“ wird zugleich Premiere für ein Buch mit dem Titel „Was bleibt“. Beides – Titel von Ausstellung und Buch – hören sich endzeitlich an. Helga Beisheim lächelt. Sie hat natürlich Pläne, wird weiterarbeiten. Aber Buch und Ausstellung markieren einen Arbeitsabschnitt.
Das Buch zeigt, was sie in den Jahren zwischen 1996 und 2024 an Objektkunst gestaltet hat. Es ist eine Beschäftigung mit Alltagsobjekten, die ästhetisch verwandelt werden, so dass Gegenstände plötzlich ganz neue Zugänge bieten. Schon das Cover des Buches macht es deutlich, wie das zu denken und was zu erwarten ist.
Ein Apfel, ein Messer – Helga Beisheim setzt auf Essenz. Dabei hat das Werk eine intensive Vorgeschichte, die im Buch anhand von Skizzen verdeutlicht wird. Skizzen sind im übrigen ein wichtiges Mittel ihrer Kunst, weil sie Arbeitsvorgänge schildern und nachvollziehbar machen. Während eines Seminars entstand die Idee, die in eine Umsetzung mündete, in der Beisheim das Apfelobjekt in seine Bestandteile zerlegte: Apfelsegmente, Kerne, Schale. Dabei geht es um Zerteilen und Teilen, um Spiegelbildlichkeit, um Ordnung und Reihung.
Ein anderes Projekt zielt auf einen Jahreskalender, den Beisheim in besonderer Weise gestaltete. Sie fotografierte ein Jahr lang ihre Schuhe, immer mit demselben Abstand und immer an unterschiedlichen Orten. Bei der Zusammenstellung der Fotografien ergab sich ein Muster aus Erinnerungen. „So ist die Arbeit eher ein offenes Tagebuch geworden, nur für mich lesbar“, kommentiert Helga Beisheim.
Ein weiteres Projekt hing mit dem Fällen von 48 Pappeln in Grimersum zusammen. Helga Beisheim kopierte den Querschnitt der verbliebenen Baumscheiben mittels der Technik der Frottage (Durchreibung) auf Chinapapier. Als sie die Gesamtheit der großen Blätter zu einem Quadrat auslegen wollte – das geschah in der Emder Nordseehalle – blieb ein Fach frei. „Ich stellte mich in diese Lücke und war somit der 49. Baum.“
„Vom Verschwinden und Wiederkommen“ ist der Titel eines weiteren Objektes. Vor zehn Jahren hatte die Kunsthalle in Wilhelmshaven aufgerufen, Beiträge zum Thema „2m unter Null“ einzureichen. Helga Beisheim hatte beim Graben im Garten allerlei Fundstücke aus der Erde geholt: Scherben, Bruchstücke von Tongefäßen, kleine Tierskelette. Dazu gab es allerhand Erinnerungen an die eigene Kindheit: ein kleiner Silberring, ein Ohrstecker der Mutter, Muscheln. 48 Teile waren es schließlich, die Helga Beisheim auf Draht befestigte und ihnen somit eine Fragilität und Beweglichkeit verschaffte, die ganz im Gegensatz stehen zur Bedeutung der Stücke für das Leben der Künstlerin.
Seite für Seite entdeckt man in dem Katalog der Projekte neue interessante Ansichten über Leben und Tod, den Umgang miteinander, über Wertschätzung gegenüber Mensch und Natur. Dabei ist der Blick der Künstlerin nüchtern und sachlich. Manche Aktion erschließt sich erst durch kleine Kommentare, die sie den Abbildungen beigegeben hat. So versteht sich der prächtig anzusehende „Katzentisch 2“ ein politisches Statement zur Ungerechtigkeit der Nahrungsverteilung.
Ein weiteres hochgradig ästhetisches, zugleich aber auch mahnendes Objekt ist eine Kugel, die aus Draht aufgewickelt wurde, den Helga Beisheim und einige Helfer zuvor mit kleinsten Rocailleperlen bestückt hatten. Im Zentrum der Kugel befindet sich ein Zettel, der als Zeitkapsel fungiert. „Die Perlen sehe ich als aufgereihte und verkettete Schicksale. Keiner hat es in der Hand, neben wem, unter oder über wem er aufgereiht wird.“ Bei einer Ausstellung in Bochum lag die Kugel lose und fing an, sich bei geringster Bewegung zu entrollen, berichtete die Künstlerin, Diese Möglichkeit des Entrollens sei ein „kalkuliertes Risiko“ gewesen.
Der Bildband wird begleitet von vier kurzen Aufsätzen, die Einzelobjekte oder bestimmte Projekte in den Blick nehmen.
Der Druck des Buches wurde gefördert von der Stiftung Kunstfonds der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, bei der sich Helga Beisheim beworben hatte. Sie war damit nicht alleine. 400 bildende Künstler hatten ebenfalls ihre Vorhaben eingereicht – 18 wurden schließlich ausgewählt. Helga Beisheim war darunter. 250 Exemplare von „Was bleibt“ wurden über den Berliner KRAUTin Verlag publiziert.
► Das Buch hat 148 Seiten, kostet 22 Euro und ist erhältlich über den Handel unter ISBN 978-3-96703-142-3

