Warum Plattdeutsch Kindern helfen kann
Aurich. Die Leiterin des Plattdüütskbüros der Ostfriesischen Landschaft, Grietje Kammler, setzt sich seit Jahren für die mehrsprachige Erziehung von Kindern ein und hat dabei besonders das Plattdeutsche im Blick. Wenn Kinder sowohl mit Platt- als auch Hochdeutsch aufwüchsen, helfe dies nicht nur beim Erhalt der Sprache, sondern habe ganz konkrete Vorteile für die Kinder. „Je früher Kinder mehrsprachig erzogen werden, desto mehr können sie davon profitieren“, sagt sie.

Bildungsexperten empfehlen, dass verschiedene Bezugspersonen wie Eltern, pädagogische Fachkräfte oder Lehrkräfte kontinuierlich unterschiedliche Sprachen mit den Kindern sprechen. Diese Methode nennt sich „Immersion“ oder auch „Sprachbad“, weil Kinder dadurch ganz selbstverständlich ohne Vokabelpaukerei Sprachen erlernen. Diese Vorteile mehrsprachiger Erziehung konnten wissenschaftliche Studien belegen, erklärt Grietje Kammler.
Kinder, die bis zu einem Alter von neun Jahren mehrsprachig aufwachsen, lernen später im Leben weitere Sprachen leichter, haben wissenschaftliche Studien ergeben. Dies liege daran, dass sich das Sprachzentrum dieser Kinder anders entwickelt: Sogenannte „frühe Mehrsprachige“ legen demnach bis zu einem Alter von neun Jahren ein großes Sprachzentrum an. Dieses Sprachzentrum nimmt alle weiteren Sprachen auf, die im Leben erlernt werden. Im Gegensatz dazu müssen Menschen, die nach und nach in ihrem Leben mehrere Sprachen erlernen, immer wieder ein neues Sprachzentrum für jede Sprache anlegen. Dies erschwert den Lernprozess, erläutert die Platt-Expertin.
Weiterer Vorteil: Durch das Erlernen von zwei oder mehr Sprachen stehen den Kindern vielfältigere Ausdrucksmöglichkeiten zur Verfügung. Zudem hat sich gezeigt, dass Kinder, die mehrsprachig aufwachsen, über höhere Konzentrationsfähigkeit und eine höhere Aufmerksamkeitsspanne verfügen, weil sie zwischen den Sprachsystemen wechseln müssen. Das erzeuge auch positive Auswirkungen auf das Lernverhalten insgesamt.
Die kognitiven Fähigkeiten und das analytische Denken werden begünstigt. Denn mehrsprachig aufwachsende Kinder aktivieren täglich mehr kognitive Kontrollareale im Gehirn. „Dies ermöglicht mehrsprachigen Kindern auch das schnelle Wechseln zwischen den Sprachen“, sagt Grietje Kammler. Ein weiterer positiver Effekt zeige sich darin, dass mehrsprachig aufwachsende Kiinder anderen Sprachen offen und tolerant begegneten.
Dies konnte in verschiedenen Projekten belegt werden, in denen die Kinder in der Grundschule von Beginn an in verschiedenen Fächern immersiv in einer anderen Sprache wie Plattdeutsch oder Saterfriesisch unterrichtet wurden und dann in der 3. Klasse Englisch hinzukam. Die Kinder, die daran gewöhnt waren, dass in mehreren Sprachen mit ihnen gesprochen wird, hatten keine Scheu, sogleich die englische Sprache auszuprobieren und zu sprechen. Zudem erkannten sie selbstständig die Verwandtschaft zum Beispiel zwischen Plattdeutsch und der neuen Fremdsprache: „Auf Plattdeutsch heißt Schule ,School‘, das sieht im Englischen genauso aus, wird nur klein geschrieben und anders ausgesprochen.“
In der Folge bestätigte sich schließlich, dass die Kinder der immersiv unterrichteten Klassen leichter eine Fremdsprache wie Englisch erlernen konnten als die Kinder der einsprachigen Parallelklasse. Zudem vergrößerte sich der englische Wortschatz der Kinder durch die Beziehung zur plattdeutschen Sprache wesentlich schneller. Grietje Kammler: „Auch hieran zeigt sich, dass sich das Sprachzentrum von Kindern durch die frühe mehrsprachige Erziehung anders entwickelt als bei den einsprachigen Kindern der Parallelklasse.“
Auch die soziale Kompetenz erweitere sich durch das gemeinsame Erlernen einer neuen Sprache. „Alle Menschen besitzen die Fähigkeit, mehrsprachig aufzuwachsen“, erläutert Kammler. Eltern bräuchten sich also keine Sorgen machen, ihre Kinder damit zu überfordern. Im weltweiten Vergleich sei Mehrsprachigkeit die Regel, Einsprachigkeit die Ausnahme.
Laut Kammler bietet sich Plattdeutsch für die mehrsprachige Erziehung an: „Der große Vorteil liegt darin, dass viele Menschen in der Region Platt besser beherrschen als Fremdsprachen und es daher fehlerfrei weitergeben können.“ Zudem würden ostfriesische Kinder Plattdeutsch an verschiedensten Stellen im Alltag begegnen und die Sprache dadurch hören und verinnerlichen. Somit appelliert Kammler, möglichst viel Plattdeutsch mit Kindern oder Enkeln zu sprechen. „Neben den Bildungsvorteilen entwickeln die Kinder zusätzlich ein regionales Bewusstsein“, betont Kammler. Schließlich sei Plattdeutsch erwiesenermaßen ein identitätsstiftender Faktor für Ostfriesland.
