Einer Wunderkammer würdig
Die Johannes a Lasco Bibliothek feiert in diesem Jahr ihren 30. Geburtstag. Aus diesem Anlass wurde eine Ausstellung eingerichtet, die „Highlights aus sechs Jahrhunderten“ zeigt. Einige dieser Exponate sollen hier vorgestellt werden.
Teil 1: Der Norder Prunkhumpen des Albert Kramer von 1635
Emden. 1994, die Johannes a Lasco Bibliothek steht ein Jahr vor ihrer Eröffnung, da wird auf der European Art Fair in Maastricht, der führenden europäischen Kunstmesse, ein Objekt angeboten, das seinesgleichen sucht: ein prunkvolles Gefäß, 30 Zentimeter hoch, 1,3 Kilogramm schwer, bestes Silber, vergoldet, getrieben, gegossen, zisiliert, graviert. Und: Der Humpen, eigentlich ein Bierseidel und verziert mit den Abbildungen der sieben Tugenden, entstand mitten im 30-jährigen Krieg, gearbeitet 1635 von einem Silberschmied, von dem man man fast nichts weiß: Albert Kramer.

Wie kann man sich das Geschehen aus der historischen Perspektive vorstellen?
Ostfriesland hat sich in dem kriegerischen Geschehen des 30-jährigen Krieges zwar für neutral erklärt, aber die Truppen der Kriegsgegner nutzen die Region als Rückzugsort zwischen den Schlachten. Die Einwohner sehen sich konfrontiert mit hemmungslosen Soldaten, die rauben, ausbeuten und branntschatzen, vergewaltigen und töten. Erst kommen die gefürchteten Horden des protestantischen Heerführers Ernst von Mansfeld, dann die katholischen Truppen und schließlich die Hessen. Zwischen 1622 und 1651 herrscht der Schrecken in einem Ostfriesland, das zunehmend entvölkert ist, das zudem unter wirtschaftlichen und politischen Problemen ächzt.
In dieser unruhevollen Zeit schafft Albert Kramer in Norder den prachtvollen Humpen, ein Meisterwerk. Es wird vermutet, dass das wertvolle Stück für das Haus Cirksena gedacht war. Denn Kramer hatte bereits Objekte für die Auricher Residenz geschaffen.
Was ist von diesem Goldschmied überhaupt bekannt? Nur sein Todestag ist exakt dokumentiert: der 23. März 1649. Wann er geboren wurde, verliert sich in der Geschichte. 1629 wird Kramer als Goldschmied in Esens genannt. Anno 1632 ist er Gräflicher Münzmeister in der Bärenstadt, so liest man in seiner schmalen Biographie – etwa in der 2023 erschienenen Dokumentation von Horst H. Arians „Die Gold- und Silberschmiede Ostfrieslands“. 1637 taucht Kramer dann offiziell in Norden auf. Im selben Jahr heiratet er Inke Ulferts. Dokumentiert ist ein Sohn, Ulfert Kramer. 1639 wird er Norder Ratsherr. 1644 bis 1648 ist er wieder in Esens, als Wardein, das ist der Titel eines Beamten, der Münzen untersucht.
Entstand der Humpen wirklich in Norden? Das Beschauzeichen am Boden ist eindeutig. Der Jahresbuchstabe H verweist auf das Entstehungsjahr 1635, die Meistermarke AK in Ligatur ist Abert Kramer zuzuweisen, von dem einige weitere Arbeiten bekannt sind. Sie stammen aus den 30er und 40er Jahren des 17. Jahrhunderts und haben sich in den Kirchengemeinden Aurich, Stedesdorf, Westerbur und Hage erhalten.
Der Norder Prunkhumpen ist deshalb so bedeutsam, weil er in einem Jahrhundert entstand, aus dem insgesamt wenig Kunstvolles überkommen ist. Dem Gefäß vergleichbar sei allenfalls die von dem Emder Goldschmied Jan van Laer 1613 geschaffene Silberkanne zur Erinnerung an den Osterhusischen Akkord (28 Zentimeter hoch und 1,1 Kilogramm schwer), erklärte damals der Gründungsdirektor der Johannes a Lasco Bibliothek, Walter Schulz (1955 bis 2019). Er hatte vor dem Kauf des Norder Exponates genaue Untersuchungen anstellen lassen und selber eine Einordnung in den historischen Kontext vorgenommen: „Der Humpen stellt die mit Abstand hochrangigste Goldschmiedearbeit aus der Stadt Norden dar, muss zu den bedeutendsten Arbeiten Ostfrieslands überhaupt gerechnet werden und erweitert die Spitzengruppe ostfriesischer Goldschmiedearbeiten um einen hier bislang nicht bekannten Typus.“

Angeboten wurde das Objekt ursprünglich der Gesellschaft für bildende Kunst und vaterländische Altertümer. Die befürchtete allerdings Probleme bei der Finanzierung. Als die Gerhard ten Doornkaat Koolman-Stiftung die Hälfte der Förderung übernahm, zudem Spenden einer weiteren Stiftung, aus der Wirtschaft und von vielen Privatleuten eingingen, wagte Walter Schulz den Schritt. 94 Prozent Fremdmittel, sechs Prozent Eigenmittel der Bibliothek – so lautete schließlich die Schlussrechnung.
Zuvor hatte Schulz zwei Gutachten von renommierten Fachleuten eingeholt. Erst als beide unabhängig voneinander bestätigten, dass der Humpen authentisch und der Preis damit gerechtfertigt und angemessen sei, wurde der Kauf abgeschlossen.
Die Frage, warum er überhaupt ein solches Prunkstück für eine Bibliothek erwerben wollte, beantwortete Schulz damals mit Hinweis auf die Gesamtkonzeption des Hauses, die bereits durch die enzyklopädisch ausgerichteten Bestände – Bücher, Bilder, Kunstobjekte, Archivalien – Wechselwirkungen zwischen den Künsten implizierte. Da passe, so Schulz damals, diese „völlig aus dem Rahmen fallende Goldschmiedearbeit, die einer Wunderkammer würdig sei“ nahtlos hinein.

