Bücher-Krimi um ein Spitzenwerk
Die Johannes a Lasco Bibliothek feiert in diesem Jahr ihren 30. Geburtstag. Aus diesem Anlass hat der wissenschaftliche Mitarbeiter Dr. Klaas-Dieter Voß eine Ausstellung eingerichtet, die „Highlights aus sechs Jahrhunderten“ zeigt. Einige dieser Exponate sollen hier vorgestellt werden.
Teil 2: Das Album Amicorum des Cornelius van der Myle aus dem späten 16. Jahrhundert
Emden. 1996 wird bei Sotheby’s in London eine aufwändig gestaltete Handschrift des späten 16. Jahrhunderts angeboten. Die Johannes a Lasco Bibliothek will das Buch unbedingt ersteigern und sichert sich die berufliche Erfahrung des in London wirkenden Händlers Bernhard Quarich. Zunächst spielt sich das Steigern zwischen einem Vertreter der Universitätsbibliothek Leiden und anderen Bietern im Raum ab. Doch langsam wird die Luft dünner, und Leiden scheidet aus. Anscheinend war der finanzielle Spielraum zu klein. Schließlich geht der Zuschlag an Emden. Der Vertreter der Uni-Bibliothek ist schockiert – so wird später berichtet.
Die Gerhard ten Doornkaat Koolman-Stiftung stellt die Hälfte des benötigten Geldes zur Verfügung und wird so zur Mitbesitzerin. An der Finanzierung beteiligen sich weiterhin Banken und Stiftungen sowie zahlreiche Privatleute, so dass der Eigenanteil der Bibliothek gering bleibt.
Was aber hat die Johannes a Lasco Bibliothek überhaupt ersteigert. Es handelt sich um ein sogenanntes Freundschaftsalbum, ein Album Amicorum. Dieses beinhaltet auf 173 Blättern 162 handschriftliche Eintragungen, 44 handgemalte Wappen und 14 fein gemalte Miniaturen. Das Buch gehörte dem niederländischen Studenten, Cornelius van der Myle (1579 bis 1642), dessen Familie zur Führungselite seiner Zeit gehörte, die mit einflussreichen Familien der Generalstaaten verwandt und befreundet war.



Zwischen 1594 und 1598 sind die meisten der Eintragungen zu datieren, unter denen sich auch Namen aus der ostfriesischen Ritterschaft finden: Dodo und Tido von Innhausen und Knyphausen, Haro Fridag von Goedens, Johann von Knippenburg. Doch der Kreis greift weiter. Theodor Beza, Nachfolger des Reformators Johannes Calvin, hat sich im Freundschaftsbuch ebenso mit einem Eintrag verewigt wie Philippus Marnix uit Sanct Aldegonde, der bei Beza studiert hatte und als Autor der niederländischen Nationalhymne „Wilhelmus“ gilt, sowie dessen Vater Jacob. Es findet sich der Eintrag von Louise de Colligny, Witwe Wilhelms von Oranien, den man seiner Verdienste wegen „Vater des Vaterlands“ nannte.
Kurz: „Das Album ist eine hochkarätige Autographensammlung, die im Kontext der niederländischen Republik, der europäischen Universitäten Genf, Heidenberg und Leiden, sowie der Vertreter der führenden Familien der ostfriesischen Ritterschaft den Kulturhorizont des westlichen Ostfrieslands im ausgehenden 16. Jahrhundert in unglaublich verdichteter Weise dokumentiert.“ So heißt es in einem Aufsatz, den der damalige Direktor der Johannes a Lasco Bibliothek, Walter Schulz, in einem Sammelband zum Deutschen Hugenottentag, der 2003 in der Bibliothek stattfand, veröffentlichte.
Wappen und Miniaturen waren in der Regel professionell gefertigte Auftragsarbeiten, und gerade die Einträge der Ostfriesen sind besonders aufwändig gestaltet und von besonderer Qualität. Die Einträge bestehen in vielen Fällen nur aus den Unterschriften der Personen, es wurden aber auch Motti geschrieben, emblematische Sprüche, vereinzelt auch Gedichte und längere Texte. Die Bewertung des Albums, das in einen passend aufwändig gestalteten Einband gebunden ist, lautet: Das Album ist von hoher Qualität und gehört zur Spitzengruppe der bisher bekannten Alba.

