Wie der Teufel auf die Welt kam

Norden. Zum vierten Mal gastierte Christoph Rösner auf Einladung der Bürgerstiftung im Bürgerhaus Norden – dieses Mal mit einem Robert Gernhardt-Programm. Organisatorisch brauchte es dafür nicht viel: ein kleines Podium, ein Mikrophon, ein Lesepult und ein Glas Wein – und schon war man mittendrin in der zugespitzten Reimerei des schier unermüdlichen Vieldichters Gernhardt. Röser präsentierte den Mann, der für das Satireblatt „Titanic“ ebenso tätig war wie für Otto Waalkes, indem er die Texte immer wieder verwob mit biographischen Elementen, zurückhaltenden Kommentierungen, Meinungen anderer über Gernhardt – und natürlich dessen Texten. Dabei waren die Sujets, die Rösner vorstellte, weit gespannt. Sie umfassten Alltägliches wie Skurriles, Erotisches wie Mörderisches, Künstlerisches wie Lukullisches, Gesundheitliches wie Alkoholisches.

Dabei erfuhren die Besucher im gut gefüllten Bürgerhaus eine Menge über Leidenschaften, Lieblingsbeschäftigungen und Abneigungen. So etwa in den „Materialien zu einer Kritik der bekanntesten Gedichtform italienischen Ursprungs“, die da mit dem bezeichnenden Satz beginnt „Sonette find ich sowas von beschissen …“ und sich sodann in Häme und fäkalbegrifflich üppig als Schmähschrift über die künstlerische Form ergießt – natürlich handelt es sich um ein Sonett, das Gernhardt da in wohliger Respektlosigkeit bedichtet.

Er schreibt K-Gedichte über Krankheit, Krebs, Krieg, formuliert „monovokale“ Gedichte wie „Gittis Hirsch“ oder „Annas Gans“, Nonsence-Verse, dichtete sich durch die Fauna („Der Habicht fraß die Wanderratte, nachdem er sie geschändet hatte“). Jawohl, da blieb selbst ein Lächeln häufig auf der Strecke, vom Lachen ganz zu schweigen. 40 000 Seiten Aufzeichnungen hat Gernhardt, der an Darmkrebs starb, hinterlassen. Ganz so viele schaffte Rösner nicht, aber er machte es gut. Die Auswahl gab treffliche Einblicke in das voluminöse Werk, und seine Stimme traf stets den angemessenen Ton. Natürlich zitierte er auch den Titel des Abends, einen Reim, den man aus dem Programm von Otto Waalkes kennt und das Gernhardt unter der Überschrift „Gebet“ niedergeschrieben hat:

„Lieber Gott, nimm es hin,
daß ich was Besond’res bin.
Und gib ruhig einmal zu,
daß ich klüger bin als du. Preise künftig meinen Namen,
denn sonst setzt es etwas. Amen.“

Es gab Zeiten, da hätte man so etwas als Blasphemie bezeichnet. Aber Gernhardt dichtet es mit so leichter Hand, und Rösner spricht den Vers scheinbar so harmlos, dass man den Schreiber dessen gar nicht bezichtigen mag. Und wo wir gerade von Gott reden – Gernhardt hat natürlich auch dessen Widersacher ein paar liebevolle Zeilen gewidmet. Unter der Überschrift „Die Geburt“ rezitierte Rösner:

„Als aber in der finstern Nacht
die junge Frau das Kind zur Welt gebracht,
da haben das nur zwei Tiere gesehn,
die taten grad um die Krippen stehn.

Es waren ein Ochs und ein Eselein,
die dauerte das Kindlein so klein,
das da lag ganz ohne Schutz und Haar,
zwischen dem frierenden Ehepaar.

Da sprach der Ochs: „Ich geb dir mein Horn.
So bist du wenigstens sicher vorn.“
Da sprach der Esel: „Nimm meinen Schwanz,
auf daß du dich hinten wehren kannst.“

Da dankte die junge Frau, und das Kind,
empfing Hörner vorn und ein Schwänzlein hint.
Und ein Hund hat es in den Schlaf gebellt.
So kam der Teufel auf die Welt.“