Lehrstunde über das Miteinander

Leer. „Ich liebe Kinder“, sagt Friedhilde Trüün nach einem Konzert, in dem sie 220 Kinder Werke von Johann Sebastian Bach singen ließ – in aufgepepptem Gewand, aber immer mit viel Hintergrund. „SingBach“ heißt das Konzept, das am Freitag (5. September) im Rahmen des Epilogs der Gezeitenkonzerte im Theater an der Blinke über die Bühne ging und das sie mit Kindern und Jugendlichen von sechs Leeraner Schulen bewältigte. Und man merkt, dass Disziplin und Strenge, aber auch viel Zuneigung und Wärme dazu gehören, um innerhalb einer Woche ein gut einstündiges Programm zu entwickeln, bei dem die Kinder auf der Bühne gebannt ihrer Chorleiterin folgen.

Gut besucht und mächtig Stimmung: das Abschlusskonzert von „SingBach“ im Theater an der Blinke“. Bilder: Karlheinz Krämer

Trünn arbeitet mit viel Bewegung und Gesten, die mal Anweisung, mal Aufforderung bedeuten. Mit einem Fingerzeig bringt sie die 220 Kinder dazu, sich geordnet zu setzen, aufzustehen, zu schweigen und mit Schwung aus den Bach’schen Musiken ein Freudenfest der Gemeinschaft zu bilden. „Kindern den Schatz der eigenen Stimme zu erschließen, ist das Ziel von SingBach“, sagt Friedhilde Trüün. Die Vokalpädagogin und Kinderchorleiterin bringt aber auch Eltern dazu mitzumachen – einfach so, ohne Vorbereitung. Das Lob für die Erwachsenen kommt prompt von der Bühne – 220-fach.


Was singen die Kinder? Es sind Texte, die Instrumentalstücken Bachs hinzugedichtet wurden, es sind Texte aus Oratorien. Alles ist kindgerecht aufbereitet, aber eben nicht kindisch. Der Respekt vor der Musik Bachs ist immer gegenwärtig, aber ob der Meister der Barockzeit wohl geahnt hat, was alles mit seinen Kompositionen möglich ist? Ein vierköpfiges Jazz-Ensemble sorgt für eine zeitgemäße Interpretattion der Musik, wobei die Originalmusik stets gegenwärtig ist. „Komm, sing mit“ heißt das Auftaktstück nach einer Bourrée aus der Suite e-Moll, BWV 996. Diese Aufforderung gilt später auch für das Plenum im Saal an der Blinke.

Ihre Unterrichtsmethode ist bemerkenswert: Friedhilde Trünn mit den Leeraner Kindern

Unter der Leitung von Trüün gelingt es den Kindern, das eindrucksvolle „Großer Herr, o starker König“ aus dem Weihnachtsoratorium wirkmächtig umzusetzen. Ganz und gar erstaunlich aber ist das rhythmisch komplexe „Bist Du nicht seiner Jünger einer“ und das folgende „Nicht diesen, diesen nicht“ aus der Johannes-Passion. Die Kinder bewältigen das stimmliche Hin und Her des aufgeregten Volkes mit hinreißender Intensität – so, als erlebten sie die Szene tatsächlich. Auch die vorgeschaltete, quasi pantomimische Darstellung des streitenden Volkes, das entscheiden soll, wer am Kreuz hingerichtet wird, ist so lebhaft und sprechend, dass man als Zuhörer emotional mehr berührt wird als bei der perfektesten Darbietung eines Oratorienchores.


Dazu trug auch ein Moderatoren-Duo bei, das Texte von Friedhilde Trüün, die einen inhaltlichen gereimten Rahmen für die einzelnen Beiträge schufen, vortrug. Edala Feldhoff und Elaine Götze standen stets rechtzeitig am Lesepult und sprachen vor allem fehlerfrei und mit Ausdruck

Man muss sich tatsächlich fragen, ob diese Art der Pädagogik für das gemeinschaftliche Lernen nicht sinnstiftender und effektiver ist als viele andere Ansätze. Womöglich ließe sich aus der humanen, aber fordernden Arbeit von Friedhilde Trüün ein Bildungskonzept für ein Schulwesen gestalten, das ins Schleudern gekommen ist, weil klassische Werte der Erziehung geringer geachtet werden. Dass Kinder mit dem Prinzip „fordern und fördern“ offenbar sehr gut zurecht kommen, machte die Schluss-Szene deutlich, als viele Kinder sich unbedingt persönlich von Frau Trüün verabschieden wollten und sich eine dicke Menschentraube um sie herum bildete.

Alle machen mit: 220 Kinder gestalten in prägnanter Weise Werke von Johann Sebastian Bach

Das war offenbar auch eine Reaktion auf ein Prinzip, das Friedhilde Trüün befolgt. Die Kinder, mit denen sie eine Woche lang jeden Tag arbeitet, werden konsequent namentlich und mit Handschlag begrüßt. Jeden Tag. Eine Wertschätzung, die den Weg zu einem ganz anderen Umgang miteinander öffnet.

So wurde das kleine Konzert zu einer Lehrstunde über Gemeinschaft und Miteinander – ein friedliches Miteinander, das ganz zum Schluss mit einem Friedensgruß endete, den ein Dutzend Kinder in ihrer jeweiligen Heimatsprache ausdrückten. „Da geht einem das Herz auf“, meinten abschließend der Leiter der Gezeitenkonzert, Raoul-Philip Schmidt, und der Leiter der Kreismusikschule Leer, Stefan Leja, der die Gesamtkoordination übernommen hatte. Ihm zur Seite standen Lehrer der Daalerschule, der Plytenbergschule, der Gutenbergschule, der Friesenschule, des Taletta-Groß-Gymnasiums, des Ubbo-Emmius-Gymnasiums und der Kreismusikschule Leer. Das Jazz-Ensemble bildeten Seeun Choi (Klavier und Korrepition), Marina Elsner (Saxophon), Carsten Heinecke (Bass) und Thomas „Stan“ Hemken (Schlagzeug).

Viele Kinder verabschiedeten sich mit Umarmungen von der Chorleiterin

Eine zweite Veranstaltung des Formates „SingBach“ findet am 19. September um 18 Uhr in der Auricher Lambertikirche statt. Dann sind es 200 Auricher Kinder, die innerhalb eines einwöchigen Workshops intensiv mit der Musik Bachs in Berührung kommen