Mit leichter Hand und trainierter Stimme
Emden. Hermann Wiedenroth liest Texte von Erich Kästner (1899 bis 1974) – und mehr als 200 Literaturinteressierte füllen das Mittelschiff der Johannes a Lasco Bibliothek. Das ist fast schon ein vertrautes Bild – egal ob der Antiquar aus Bargfeld Tucholsky oder Cafehaus-Literaten liest. Wiedenroth zieht eben. Und das immer.

Zum siebten Mal war der Buchhändler, Trauerredner und Rezitator in Emden. Und mit seiner Erfahrung in solchen Dingen führte er die Besucher in Biographie und Werk des gebürtigen Dresdners Kästner ein – mit leichter Hand und trainierter Stimme.
Kästners „andere Texte“ seien in den 70er Jahren „wiederentdeckt“ worden, hatte zuvor der Vorsitzende der Gesellschaft der Freunde der Johannes a Lasco Bibliothek, Harald Groenewold gesagt. Denn neben einer Fülle von Kinderbüchern schrieb der Autor auch politische Satire. Als einziger von 24 Schriftstellern erlebte Kästner die Verbrennung seiner Bücher mit. Er habe Zeuge und deshalb dabeisein wollen, erläuterte Groenewold. Und Wiedenroth hatte natürlich einen Kästner-Text über diesen Moment am 10. Mai 1933 auf dem Berliner Opernplatz dabei, als unter Leitung von Joseph Goebbels „diese theatralische Frechheit“ (Kästner) begangen wurde.
Kästner hat aber auch über sein Leben als Kind, Jugendlicher und Student geschrieben – über Streiks, Kriege, Inflation, die er erlebte. Immer wieder stand der Schriftsteller trotz Stipendien mittellos da. Und immer wieder fing er von vorne an. Natürlich schrieb er auch hierüber, etwa in der Studie „Über den Charakter von Schriftstellern“.
Wiedenroth baute eine Struktur auf, die die Zuhörer mit dem formal vielgestaltigen Werk Kästners bekannt machte. Dazu zählen auch seine Gedichte, die durchaus auch Auftragslyrik sind – etwa, wenn er Monatsgedichte für eine Zeitung schreibt. Wiedenroth hatte auch diese parat. Aber auch skurrile fiktive Briefe, Erotisches („Zu vorgeschrittener Stunde darf das sein“), Heiteres und Bedachtsames, weniger Bekanntes und sehr Bekanntes fand sich im Programm wieder. Zu letzterem zählt die „Sachliche Romanze“, das stille Erkennen, dass eine Liebe endet, verdeutlicht an einem ganz banalen Vergleich. Das Gedicht beginnt mit den Worten:
„Als sie einander acht Jahre kannten(und man darf sagen: sie kannten sich gut)kam ihre Liebe plötzlich abhanden.Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.“
Aber auch das Lebensende sei für Kästner ein Thema gewesen, sagte Wiedenroth und rezitierte aus „Ein alter Mann geht vorüber“, das die markante und so verdächtig aktuelle Wendung enthält:
„Vernunft muß sich ein jeder selbst erwerben,Und nur die Dummheit pflanzt sich gratis fort.Die Welt besteht aus Neid. Und Streit. Und Leid.Und meistens ist es schade um die Zeit.“
Auch Wiedenroth als Trauerredner findet seinen Text, der ihm ans Herz geht. „Das schönste Gedicht über das Alter“ nennt er „Das Altersheim“, das mit einem Satz endet, den er wiederholt, weil dieser so nachdrücklich in Worte fasst, was allen Menschen bevorsteht, die in dieser – heute vornehm „Seniorenresidenz“ genannten – Behausung ihren Platz finden:
„Das ist die letzte Station vor der letzten.
Dazwischen liegt keine.“
Doch Kästner kann auch hinreißende Naturlyrik formulieren, und natürlich kann er auch Literatur für Kinder schreiben. Und so ergeht ganz zum Schluss die Aufforderung von Harald Groenewold mit Blick auf „Pünktchen und Anton“ oder „Das fliegende Klassenzimmer“: „Lesen Sie das doch mal wieder!“
Der Weg zur Literatur war an diesem Abend in der Johannes a Lasco Bibliothek kurz. Wiedenroth brachte Kästners Werke antiquarisch mit nach Emden. Und die Bücherstube am Rathaus, die die „Freunde“-Veranstaltungen regelmäßig begleitet, hatte auch allerhand rund um Erich Kästner dabei. So war das alles rund und geschlossen und interessant und solide. Dass vieles, was Kästner schrieb und bedichtete, fatale Analogien zulässt – wie könnte man das vergessen?
