Auf das Elementare zurückgeworfen
Zum Stück „Das Rote Kleid“ des Theaters am Ostfriesischen Landesmuseum Emden
Emden. Emdens Historie ist reich an Geschichten. Viele davon sind inzwischen erzählt. Aber es gibt solche, die erst noch entdeckt werden müssen. „Das Rote Kleid“ ist eine solche Geschichte. Sie weiß schier Unglaubliches zu berichten. Aber die Fakten mussten den Akten erst entrissen werden. Dabei ist die Handlung von der Struktur her überschaubar: sieben Frauen, allesamt der Kommunistischen Partei zugehörig, werden in der NS-Zeit politisch verfolgt, vor Gericht gestellt, verurteilt, eingekerkert, misshandelt. Als sie nach dem Krieg auf Entschädigung klagen, weist man sie zurück und behandelt sie ebenso unwürdig wie während ihrer Haft.

Ilse Frerichs, beruflich als Museumspädagogin am Ostfriesischen Landesmuseum tätig, hat diese Geschichte entdeckt, ausführlich recherchiert und daraus ein Theaterstück gemacht, das derzeit von der Theatergruppe am Landesmuseum aufgeführt wird. 36 Beteiligte stehen auf der Bühne des Festspielhauses und dokumentieren, was sich vor fast 90 Jahren zugetragen hat.

„Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf“, schrieb der römische Komödiendichter Plautus in der vorchristlichen Antike. Wäre Plautus ein Tragödiendichter gewesen, wäre dieser Ausspruch wesentlich passender. Denn was die sieben Frauen an Verachtung, Brutalität, verdrehter „Gerechtigkeit“ und Bosheit erfahren, ist abscheulich. Doch da der Mensch eine massive Unfähigkeit aufweist, aus der Geschichte zu lernen, sieht es heute wohl kaum besser aus. Allein – Ilse Frerichs gebührt das Verdienst, diesen erschreckenden Unflat ans Licht gebracht zu haben.


Wie inszeniert man ein solches Theater, dessen Monstrosität sich vor allem in Worten artikuliert? Die beiden Regisseure Tim Kruithoff und Jann Aden spielen mit unterschiedlichen Zeitebenen, die so angelegt sind, dass sich den Zuschauern die Geschichte Stück für Stück mal in Gruppen-Szenen mal in kurzen Rückblenden aufschlüsselt. Diese bieten immer wieder schockierende Einzelheiten dessen dar, was die Frauen erlebt haben – Auspeitschung, Terror durch Einzelhaft, weiße Folter, Ehrverlust lassen im Kopf des Betrachters ein Gruselkabinett erstehen, das schrecklich aktuell wirkt.

Aufgrund der spartanischen Ausstattung der Bühne fühlt sich der Theatergast ausgesprochen unbehaglich. Sieben sogenannte „Frankfurter Stühle“ bilden das „Skelett“ der Szenen. Musik, wenn sie denn vorkommt, ist reduziert auf den Klang eines einzelnen Cellos, das in schlichter Weise das zentral gesetzte Lied „Der Mond ist aufgegangen“ spielt.
„Unser Lied“ wird Aaltje Staub es im Stück nennen, und das Kunstlied, dass eigentlich Nächstenliebe und Empathie vermittelt, wird von den Frauen als psychologischer Schutzwall eingesetzt – angesichts einer unglaublichen Verrohung von Menschen ihrem Nächsten gegenüber. Ein letztes Zeichen der Zivilisation? Doch es bietet nicht wirklich Trost in dieser düster-bedrohlichen Umgebung. Und der gequälte Ausruf einer verzweifelten Marie Luise Loop „Ich bin ein Mensch!“ ist angesichts der Aussichtslosigkeit der Situation ein Nachhall jenes christlichen „Ecce homo“, das ebenso unweigerlich ins Inhumane abgleitet.

Den ganzen Abend begleiten den Besucher die Fragen: Was würdest Du in dieser Situation tun? Würdest Du einen Ausweg finden? Würdest Du überhaupt den Mut zum Widerstand haben? Hättest Du den Nerv, diesen Haftbedingungen standzuhalten? Solchermaßen auf das Elementare, das Ursächliche geworfen, bleiben die mutmaßlichen Antworten ahnungsvoll quasi im Halse stecken.

Große, hohe und ungeschmälerte Hochachtung gebührt allen Spielerinnen und Spielern – gleich ob sie eine große oder kleine Rolle darstellen, den Requisiteuren, den Regisseuren, der Autorin. Sie alle haben die Konfrontation nicht gescheut und sich Situationen ausgesetzt, die inhaltlich leicht hätten überfordern können. Alle fanden ihren Platz in diesem Drama: der lederne Gestapo-Mann ebenso wie die gefühllose Gefängniswärterin, die Staub-Tochter, die das Rote Kleid wirklich trägt, wie ihre Mutter, deren graues Gefangenen-Habit sich nach der Auspeitschung ebenfalls Rot färbt, die junge Frau, die kommunistische Flugblätter im Kinderwagen transportiert, wie das Paar, das die Verbannung seiner Bibliothek scheinbar stoisch über sich ergehen lässt – dann aber den ideologisch verblendeten Nazi-Schergen ein Gedicht von Else Lasker-Schüler als einen letzten Rest klassisch-humaner Bildung entgegenstellt.

Was bleibt nach zweieinhalb Stunden ununterbrochener Auseinandersetzungen mit diesen schrecklichen Ereignissen direkt vor der Haustür? Vor allem eines: Das viel beschworene, aber oft genug nur noch floskelhaft verwendete „Nie wieder“ hat seine äußerste Dringlichkeit gezeigt.
„Das Rote Kleid“ gehört in eine Reihe von Theaterstücken, die Ilse Frerichs explizit aus der Emder Geschichte abgeleitet hat. Regisseur war stets Werner Zwarte. Der Theaterbesessene ist im März 2024 gestorben. Sein Vermächtnis jedoch lebt weiter, so wie er es gewollt hat.

Die sieben Frauen werden dargestellt von: Astrid Junghoff, Anika Camp, Anke Pfeffer-Langner, Ingrid Vogel-Suhr, Lydia Schwitters, Marion Janssen-Ukena, Tine Wolf.
