Virtuoses Geburtstagskonzert für eine Orgel
Emden. Sie verfügt über knapp 3000 Pfeifen, wiegt etwa zwölf Tonnen und ragt 10,50 Meter in die Höhe: die Orgel der Martin-Luther-Kirche aus der Hamburger Werkstatt des 1976 verstorbenen Orgelbauers Rudolf von Beckerath, die 1995 von Orgelbaumeister Hans Ulrich Erbslöh realisiert wurde. An ihrem 30 Geburtstag gab es ein großartiges Konzert mit dem Organisten Tobias Lindner und dem Marinemusikkorps Wilhelmshaven unter Leitung von Fregattenkapitän Matthias Prock.

Auf dem Programm standen große, anspruchsvolle Werke der französischen Romantik. Zugleich aber gab der Kreiskantor Marc Waskowiak bekannt, dass die Orgel einigermaßen dringend einer Restaurierung bedürfe. Das mächtige Instrument weist Schimmelbefall auf, zudem müssen die mechanischen Teile und die Elektronik überarbeitet werden. Deshalb sei das Geburtstagskonzert zugleich ein Benefiz – dem weitere folgen werden.

Von den Mankos war – überraschend auch für Waskowiak – während der Veranstaltung nichts zu merken. Alle Teile taten wie vorgesehen ihren Dienst und bewältigten die Kompositionen von Joseph Jongen, Luis Vierne und Camille Saint-Saëns mit Kraft und Stil. Waskowiak selber blätterte und verwies darauf, dass die Werke „dem Organisten einiges abverlangen“ – schließlich war Lindner an allen Programmteilen samt Zugabe beteiligt.

Die leidenschaftliche Symphonie Concertante von Jongen bot einen virtuosen Einstieg in das Programm, dass in der Bearbeitung für Sinfonisches Blasorchester ein spannungsvolles Zusammenspiel ergab, wobei beide Teile – Orgel und Orchester – ein wunderbares Miteinander verwirklichten. Die sehr individuelle Gestaltung des Werkes, die dem Ohr anfangs eine divergierende Melodik bot und ab und an geradezu atonal wirkte, harmonisierte sich mit dem Verlauf des viersätzigen Stückes und fand in der abschließenden Toccata einen triumphierenden Ausklang.


Ein Orgel-Solo gestaltete Lindner mit dem berühmten „Carillon de Westminster“ von Louis Vierne
ein spieltechnisch hoch anspruchsvolles Stück. Die erste Aufführung des auf den vier Tönen des Glockenschlags von Westminster basierenden Stückes am Ende einer Messe in Notre-Dame hatte den Effekt, dass sich die Kirche nicht schnell lehrte, sondern dass alle Anwesenden blieben, um die Musik anzuhören. Ein Zeitgenosse berichtet: „Es war … eine der seltenen Gelegenheiten, bei denen ich die Geistlichen und Gläubigen nicht fluchtartig die Kirche verlassen sah … Alle warteten, sehr zum Leidwesen des Küsters und der Sakristane, die so etwas noch nie erlebt hatten, still bis zum Schluss.“


Das Finale der Symphonie No. 3 von Camille Saint-Saëns bildete den Abschluss des Konzertes, und hier konnten Orgel und Orchester mächtig aufspielen, um das Finale aus der – wie Saint-Saëns selber sagte – „verteufelten Sinfonie“ so recht in Szene zu setzen. Es war grandios, wie Orgel und Orchester sich immer wieder gegenseitig motivierten, aber auch im Zusammenklang wetteiferten – ein großer Hörspaß.

Dieser wurde durch einen Ohrwurm abgeschlossen. Als Zugabe erklang „Highland Cathedral“, eine Dudelsack-Musik, die 1982 von zwei Deutschen komponiert und von begeisterten Schotten als neue Nationalhymne vorgeschlagen wurde – ein festlich-schwungvoller Abschluss, der vom Publikum begeistert aufgenommen wurde.

► Das Marinemusikkorps Wilhelmshaven kommt zum traditionellen Adventskonzert wieder nach Emden. Am 8. Dezember spielen die Bläser um 19.30 Uhr in der Martin-Luther-Kirche.
► Am 13. Dezember findet dann das festliche Konzert in der Vorweihnachtszeit um 15.30 Uhr in der Martin-Luther-Kirche mit einer Fülle Emder Musikgruppen statt.
