Salomonisches Urteil ist nicht in Sicht

Friesenbühne feiert im „Lüttje Huus“ Premiere mit dem Gerichtsdrama „Se seggt. He seggt“

Emden.
Da möchte man wirklich kein Richter sein. In dem neuen Stück der Friesenbühne geht es um eine Vergewaltigung. Oder war es doch gar keine? Es steht Aussage gegen Aussage, und auch die Zeugen können das Geschehen nicht erhellen. Alles bleibt im Vagen, denn: „Se seggt. He seggt.“ Selten hat es einen passenderen Titel für ein Theaterstück gegeben, das das Publikum buchstäblich im Regen stehen lässt.

Erste Prozess-Pause: Alice Köppen, Dirk Groenewold, Johann Bednorz, Gitta Nörtker, Dajo Kaiser, Rixte Meyer und Werner Nörtker. Bilder: Wolfgang Mauersberger

Es war die Vorsitzende der Friesenbühne, Birgit Frerichs, die das Theaterstück von Ferdinand von Schirach ins Plattdeutsche übertragen, mit einer 16-köpfigen Spielschar auf der kleinen Bühne im Lüttje Huus realisiert und drängende Fragen auf die Bühne gebracht hat. Da werden viele Fachleute hinzugezogen, Statistiken befragt, Plädoyers gehalten. Ständig geht es um neue Argumente, Fakten, Zeugen: ein überkandidelter Taxifahrer, eine Psychologin, eine Rechtsmedizinerin, eine Freundin.


Es wird immer verwickelter, denn „sie“ wird zwar früh angehört, doch „er“ verweigert die Aussage und gibt erst ganz zum Schluss eine Stellungnahme ab. Zu klären ist das Geschehen auch dann nicht. Und ein im biblischen Sinne salomonisches Urteil wird es nicht geben. Statt dessen greift Verzweiflung um sich. „Sie“ verliert Mann und Kinder. „Er“ wird zu Hause rausgeworfen und zieht ins Hotel. Zudem – und das ist der Plot am Schluss – beschuldigt seine Frau „ihn“, die Vergewaltigung – ihr gegenüber – gestanden zu haben. Also: Alles wieder auf Anfang. Die Justiz wird, so darf man vermuten, vielleicht Recht sprechen, aber von Gerechtigkeit dürfte man meilenweit entfernt sein.

Befragung des Vergewaltigungsopfers: Alice Köppen, Dirk Groenewold, Peter Bruns, Gitta Nörtker, im Hintergrund Johann Bednorz

Wie auch immer man das Thema empfinden mag – die Umsetzung der Friesenbühne ist meisterlich. Die Rollen sind gut besetzt, bei der Premiere gab es keine merklichen Texthänger, was angesichts der teilweise komplizierten Darstellungen erstaunlich war. Und wenn einmal eine textliche Unterstützung nötig war, gewährte Inse Nörtker ganz dezent Hilfe. Zudem sorgten immer wieder winzige humorige Einsprengsel, das das schwer verdauliche Thema leicht aufgelockert wurde.

Zeuge Paul Marotzka (Frank Baumann) erweist sich als juristisch unerfahren. Immerhin bringt er aber ein neues Beweismittel in den Prozess ein

Großartig ist Gitta Nörtker als Katharina Schlüter, die eine lange Anhörung, in der intimste Details benannt werden, spielerisch professionell umsetzt. Bulliger und direkter agiert Werner Nörtker als Vorsitzender des Landgerichts, der in nüchterner Art das Thema angeht, aber auch mit feinem Humor die Anwältin des Angeklagten zurechtweist. Die wird von Alice Köppen dargestellt, und sie ist die Aktive auf der Bühne, die immer wieder neue Argumente einwirft. Anwalt Biegler (Johann Bednorz) versucht es mit Sarkasmus, Oberstaatsanwalt Heise (Dajo Kaiser) hat keine Fragen – nie. Man merkt – die Rollen sind vom Autor recht ungleich verteilt worden. So gibt es auch Spieler, die keinen Text haben. Peter Bruns muss als Justiz-Wachtmeister Leute herein und hinaus geleiten. Rixte Meyer ist als Protokolantin ebenfalls mit einer undankbaren Schweige-Rolle bedacht worden.

Übersetzte und inszenierte das Stück: Birgit Frerichs, 1. Vorsitzende der Friesenbühne

Die Sachverständigen und Zeugen bilden eine eigene Gruppe innerhalb des Stückes. Die Auftritte von Iris Kreps, Jana Iken, Karl-Peter Frerichs, Ute Kok und Frank Baumann waren durchkomponiert und trugen dazu bei, die Story voranzutreiben. Alle waren spielerisch wohl disponiert und brachten ihre Auftritte fehlerfrei über die Bühne.

Abschluss-Applaus für Peter Bruns, Frank Baumann, Johann Bednorz, Alice Köppen, Gitta Nörtker, Dirk Groenewold, Iris Kreps, Dajo Kaiser, Werner Nörtker, Ute Kok, Rixte Meyer

Gut zwei Stunden lang hatte er geschwiegen. Doch schließlich ergriff er doch das Wort – der der Vergewaltigung angeklagte Dr. Christian Thiede, gespielt von Dirk Groenewold. Er beschwor seine Unschuld und gab der unschönen Story einen neuerlichen Dreh. Und wieder verschwammen die unterschiedlichen Eindrücke. Was ist denn nun die Wahrheit, was ist gelogen?

Sorgte für den rechten Ton und das passende Licht: Moritz Metzner im winziges Regieraum des „Lüttje Huus“

Birgit Frerichs, die ihr Team mit sicherer Hand zusammengestellt und die Inszenierung ganz ausgezeichnet einstudiert hatte, baute mit Vivien Bender noch eine Sprecherin ein, die – bevor der Vorhang sich öffnete – aus dem Off in das Thema einführte. Eine kleine Ausstellung des Weißen Rings gab fortführende Hilfen. Was nach dem Ende der Aufführung bleibt, ist ein unbehagliches Gefühl der Unsicherheit, denn viele Fragen bleiben offen. Ob die Waage in der Hand der blinden Justitia noch nach der einen oder anderen Seite ausschlagen wird?