Von den Grenzen des Machbaren

Emden. Zu einem Abend mit der Schriftstellerin und ehemaligen Buchgestalterin Roswitha Quadflieg hatten die Freunde der Johannes a Lasco Bibliothek eingeladen. Quadflieg hatte 2003 – nach 30 Jahren – die Arbeit ihrer Raamin-Presse beendet und ihr Archiv an die Emder Bibliothek gegeben. Seit zwölf Jahren arbeitet sie ausschließlich als Schriftstellerin, die sich unter anderem auch mit der Familiengeschichte auseinandersetzt.

Gut besucht war die Veranstaltung der Freunde der Johannes a Lasco Bibliothek. Bilder: Wolfgang Mauersberger

Und so waren es zwei Themen, die angesprochen wurden. Zum einen gab es ein Gespräch mit dem Vorsitzenden der „Freunde“, Harald Groenewold, über jene Bücher, die sie in drei Jahrzehnten gestaltete, zum anderen las Quadflieg aus ihrem jüngsten Buch „Ich will lieber schweigen“: Das Tagebuch eines Schauspielers aus den Jahren 1945/46 und die Fragen seiner Tochter.

Im Gespräch über die Raamin Presse: Roswitha Quadflied und Harald Groenewold

Das Tagebuch des Schauspielers Will Quadflieg und eine größere Anzahl seiner Briefen an ihre Mutter Benita fanden sich nach dem Tod der Mutter in einem Umzugskarton mit der Aufschrift „Briefe und Kurioses“. Zu den „Kuriosa“ gehörte das Tagebuch, das ihr Vater am 19. März 1945 begonnen und dann 104 Tage geführt hatte. Die Tochter geht den Einträgen nach, recherschiert Fakten und stellt Fragen. Ihr Resümee ist nicht sehr schmeichelhaft. Ihr Vater habe offenbar die entsetzlichen Dinge, die in dieser Zeit geschehen seien, nicht wahrgenommen und sich statt dessen nur auf seine persönlichen Belange zurückgezogen.

Zeit für Gespräche bei einem Glas Wein gab es zwischen den beiden Teilen der Veranstaltung

Im Gespräch mit Harald Groenewold wurde dann deutlich, dass Quadflieg die Presse als Ein-Frau-Betrieb solange führte, wie es ihr körperlich möglich war. Denn sie arbeitete nach mittelalterlichem Vorbild, setzte und druckte jede Seite im Bleisatz ohne die Hilfe moderne Technik, und sie druckte Blatt für Blatt. Um deutlich zu machen, dass es bei dieser Arbeit wirklich um körperliche Höchstleistung ging, berichtete Quadflieg exemplarisch, dass ihr „Traumalphabet. Ein Schrift-Bilder-Buch“, das sie Mitte der 80er Jahre in einer Auflage von 100 Stück druckte, nach rund 50 000 Druckvorgängen verlangte. Eine einzige Illustrationen musste – je nach Farbeinsatz – bis zu zwölf Mal nacheinander gedruckt werden.

Die Bücherstube am Rathaus versorgte den Abend wie gewohnt mit der passenden Literatur

Aufgrund dieses Aufwandes habe sie auch keine dicken Bücher fertigen können, erklärte Roswitha Quadflieg. Sie suchte statt dessen nach kürzeren Texten bekannter Autoren, die bisher noch unveröffentlicht oder weitgehend unbekannt waren. Und sie wurde fündig bei Tankred Dorst, Samuel Beckett, bei Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich Hölderlin, August Strindberg, Novalis.

Sehr viel Wert legte die Buchgestalterin auf qualitätvolle Papiere als Grundlage ihrer Druckerzeugnisse. Einmal habe sie ein ganz besonderes blaues Papier aus Südfrankreich geordert. Der erste Druckversuch misslang. Die Buchstaben hatten das Papier durchschlagen. Die Lieferung ging zurück und sollte ersetzt werden. Doch dann kam die Nachricht, dass die Papiermühle abgebrannt sei. „Da kommt man dann an die Grenzen des Machbaren!“

Berichtete von ihrer Raamin Presse und las aus ihrem Buch über ein Tagebuch ihres Vaters Will Quadflieg

Jedes Buch, das sie gestaltet habe – es waren 28 in 30 Jahren – sei ein Experiment gewesen, berichtete Quadflieg. Stets habe sie eine neue Bildgestaltung gesucht, eine neue Schrift erprobt. „Ein Schriftbild ist auch ein Bild“, sagte sie. Daher seien ihre Bücher auch nicht zum Querlesen geeignet, denn Vieles darin sei dem Auge ungewohnt.

Die Bücher der Raamin-Presse haben Kleinstauflagen. Ein Maximum von 150 Stück sei das äußerste gewesen, was mit den Mitteln ihrer Hamburger Werkstatt möglich gewesen sei. Meistens waren die Auflagen deutlich kleiner. Und doch habe sie von dem Verkauf ihrer Drucke leben können. „Das ist selten in diesem Job.“

Übernahm die Eröffnung der Veranstaltung: Professor Dr. Kęstutis Daugirdas

Eingangs hatte der wissenschaftliche Vorstand der Johannes a Lasco Bibliothek, Professor Dr. Kęstutis Daugirdas, die Buchkünstlerin mit den Worten begrüßt, man werde von der ausdrucksstarken Qualität ihrer Arbeiten gefangen genommen.

► Exemplare aus der Raamin-Presse sind derzeit im Rahmen der aktuellen Ausstellung „Highlights aus sechs Jahrhunderten“ in der Johannes a Lasco Bibliothek zu sehen.