Es gibt nichts Gleichwertiges!

Emden. Im Rahmen eines dreijährigen Forschungsprojektes werden die zahlreichen Kleidungsstücke der Moorleiche von Bernuthsfeld untersucht und seine Lebenswelt entschlüsselt. Christina Peek vom Niedersächsischen Institut für historische Küstenforschung (NihK) machte im Rahmen einer Pressekonferenz im Ostfriesischen Landesmuseum das Alleinstellungsmerkmal der Bekleidung deutlich: „In der Komplexität der Bekleidung gibt es aus dieser Zeit nichts Gleichwertiges!“

Im Raum der Moorleiche sind die Kleidungsstücke in einer großen Vitrine untergebracht: Christina Peek, Dr. Susan Möller-Wiering und Professor Dr. Hauke Jöns. Bild: Rolf Kiepe, NIhK

Die Moorleiche stammt aus dem Frühmittelalter. Datiert wird sie in die Zeit zwischen 660 und 770 nach Christus. Da die Kleidung einen Grabfund darstellt, weist sie ein weiteres Alleinstellungsmerkmal auf. Sonstige Textilfunde aus der Zeit wurden nämlich auf Siedlungsplätzen gefunden und sind häufig nur Millimeter groß, erklärte Dr. Susan Möller-Wiering. Die Textilarchäologin wird gemeinsam mit Dr. Katrin Struckmeyer (beide vom NihK) die Untersuchungen bis Oktober 2028 durchführen. Im Mittelpunkt steht dabei die sogenannte Tunika der Moorleiche, ein Obergewand, das aus 46 Flicken besteht. Darunter befindet sich auch ein kariertes Stück, das exponiert auf Brusthöhe eingefügt ist.


Ziel des Projekt ist eine wissenschaftliche Neubewertung des Fundes. Es geht um die Herkunft der Stoffe, ihre Herstellung und Färbung. Dabei werden nicht nur die einzelnen Wollstücke untersucht, sondern auch Fasern und Nähte. Mit den heutigen Forschungsmethoden sei es sogar möglich zu bestimmen, wo die Schafe gelebt haben, deren Wolle für die Webarbeiten genutzt wurde. Da der Befund so umfangreich ist, soll der sehr speziellen Bindungsart „Diamantkaro-Köper“ nachgegangen werden. Diese Webart wird mit dem friesischen Tuch assoziiert, das schon im 8. Jahrhundert erwähnt wird. Fragen stellen sich in diesem Zusammenhang viele. Das wurde während der Pressekonferenz deutlich. Denn: Was ist und gibt es überhaupt „friesisches Tuch“? Welche Qualität haben die verwendeten Wollstränge? Gibt es Wolle, die in den Kleidungsflicken mehrfach auftaucht?


Aus übergeordneter Sicht betrachtet rücken auch Fragen nach der gesellschaftlichen Stellung des Toten. Wer war er? Und wie lebte er? Um die Untersuchungen durchführen zu können, stellt das NihK einen Antrag im Rahmen des Förderprogramms „Pro Niedersachsen“ des Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur. Dabei konnte sich das Projekt „Qualität und Nachhaltigkeit um 700 AD: Die Kleidung des Mannes von Bernuthsfeld“ gegen zahlreiche andere Anträge durchsetzen. Das MWK bewilligte schließlich 250 000 Euro für die Durchführung des Projektes.

Die Leitung des interdisziplinären Forschungsteams hat Professor Dr. Hauke Jöns. Die Anregung, sich überhaupt näher mit der Kleidung zu befassen, stammt indes vom Leiter des archäologischen Forschungsinstitutes der Ostfriesischen Landschaft, Dr. Jan Kegler, der dem Projekt weiterhin verbunden bleibt. Neben dem NihK, dem Landesmuseum und der Ostfriesischen Landschaft sind weiterhin beteiligt: das Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim, das Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie Mannheim und das Deutsche Textilmuseum Krefeld. 1820DieKUNST unterstützt das Projekt, indem die Gesellschaft die Objekte zur Verfügung stellt.

Die Moorleiche wurde 1907 von den Brüdern de Jonge im Moor bei Bernuthsfeld gefunden. Unmittelbar danach begann die Beschäftigung mit dem Fundkomplex. Auch bildliche Rekonstruktionsversuche wurden unternommen. Datiert wurde die Moorleiche anfangs in die Römische Kaiserzeit (etwa 250 nach Christus). Erst 1998 ergab eine C14-Analyse einen Zeitraum zwischen 680 und 775 nach Christus. Diese wurde 2015 konkretisiert auf 660 bis 770.