Der „Stein“ des Anstoßes
Die Johannes a Lasco Bibliothek feiert am 15. November ihren 30. Geburtstag. Aus diesem Anlass hat der wissenschaftliche Mitarbeiter Dr. Klaas-Dieter Voß eine Ausstellung eingerichtet, die „Highlights aus sechs Jahrhunderten“ zeigt. Einige dieser Exponate sollen hier vorgestellt werden.
Teil 6: Adolf Fischer-Gurig: Innenraum der Großen Kirche
Emden. Ende der 80er Jahre hängt am Schwarzen Brett des Rentamtes in der Brückstraße ein Zettel, auf dem ein Gemälde des Künstlers Adolf Fischer-Gurig (1860 bis 1918) zum Verkauf angeboten wird. Motiv: das Innere der Großen Kirche. Tagelang wandert Walter Schulz, damals Pastor von Canum und Woltzeten und zudem mit der Betreuung der Bibliothek der Großen Kirche betraut, an dem Schrieb vorbei – und wundert sich, dass er offensichtlich der einzige ist, der Interesse an dem Gemälde bezeugt.

Er kauft das Bild in München. „Ich konnte nicht anders.“ Bald hängt es im Wohnzimmer des Pastorenhauses in Canum an einer weißen Wand, und Schulz, damals 35 Jahre alt, sitzt allabendlich vor der Malerei, die den Innenraum der 1943 zerstörten Großen Kirche in Richtung Westen zeigt. Der Blick fällt auf das Lesepult, die mächtige Wenthin-Orgel, auf Böntjes und den mit Grabsteinen belegten Boden. Im Mittelgrund hat Fischer-Gurig eine Frau mit Hut gemalt, die ganz in Schwarz gewandet und anscheinend in Andacht versunken ist. Flirrendes Licht lässt die Kirche mit ihrem weißen Verputz erstrahlen.
Seit Schulz die alte Bibliothek der Großen Kirche betreut, geht ihm eine Idee im Kopf herum. Man müsste die Ruine in der Kirchstraße wieder aufbauen – nicht als Kirche, sondern als Bibliothek. Damit würden die Bücher an ihren angestammten Platz zurückkehren und der Enge der Unterbringung im Rentamt entfliehen können. Man könnte zudem den teilweisen Wiederaufbau mit neuen Inhalten füllen, und die reformierte Kirche in anderer Weise als Kulturträger würdigen.
Schulz, in der Grafschaft Bentheim geboren, ist innerhalb kürzester Zeit in Ostfriesland heimisch geworden. Dabei ging es ganz nüchtern zu, als der junge Pastor die Nachricht bekam: „Richten Sie sich darauf ein. Sie kommen nach Ostfriesland.“ Schulz quittierte diese Nachricht keinesfalls mit einem unbehaglichen Gefühl. Mit seiner Familie lässt er sich auf das Leben in Canum und Woltzeten ein – und auf die Bibliothek, die bisher von dem Mennoniten-Pastor Dr. Heinold Fast betreut wurde.
Was dann folgt, ist Teil der Emder Geschichte geworden und mündete 1995 in die Eröffnung der Johannes a Lasco Bibliothek. Das Gemälde von Meister Fischer-Gurig, der mit seiner impressionistischen Studie zum „Stein des Anstoßes“ wurde, gehört heute in den Kunst-Bestand des Hauses. 1902 war der gebürtige Sachse einer Einladung von Oberbürgermeister Leo Fürbringer nach Ostfriesland gefolgt. Und bis zu seinem Tod kam er immer wieder, um Städte, Häfen – und die Große Kirche – mit virtuos pastosem Pinselstrich in den Blick zu nehmen.
