Der Menschen-Maler
Die Kunsthalle Emden eröffnet heute um 17 Uhr in der Martin-Luther-Kirche eine neue Ausstellung mit Arbeiten des Schauspielers, Musikers, Malers und Zeichners Armin Mueller-Stahl (Jahrgang 1930)

Emden. Der Katalog ist wahrhaft opulent: großformatig und in einem blauglitzerigen Outfit stellt er den Vielbegabten Armin Mueller-Stahl in seinen Tätigkeiten als Schauspieler und bildender Künstler dar – in einem Beziehungsgeflecht zwischen den sich bedingenden Lebenslinien. Öffnet man den 136-seitigen Band mit dem Ausstellungstitel „Nacht und Tag auf der Erde“, so steht man mittendrin im Werk, denn nicht Gruß- und Vorwort bilden den Einstieg, sondern ein Konvolut von Filmszenen und Menschenbildern. Mueller-Stahl ist ein Menschen-Maler.

Die Porträts zeigen Juden, die im Leben des Armin Müller-Stahl eine Rolle spielten, die er kannte, denen er begegnete, mit denen er sich beschäftigte: der Dirigent Yehudi Menuhin ist darunter, der Komponist Arnold Schönberg, die Schauspielerinnen Ida Ehre und Helene Weigel, ebenso wie der Philosoph Walter Benjamin und Hans Blumenberg, der Schriftsteller Franz Kafka, Paul Celan, Susan Sonntag, Peter Ustinov … die Reihe, die mit „Jesus. Der Jude“ beginnt, lässt sich – so suggeriert die schöne Reihung der Bilder in der Kunsthalle, nahezu endlos fortsetzen.

Und es sind Abbilder, die durch genaueste Beobachtungsgabe bestechen. Wie er zum Beispiel Theaterleiterin Ida Ehre in wenigen Strichen auf das Papier bringt und dabei sofort das Wesenstypische erfasst, ist beeindruckend. Sich aus diesem Saal der jüdischen Porträts zu verabschieden, fällt schwer. Zumal sie auch zeige, welch einen Verlust die deutsche Kultur durch den Holocaust erlitten habe, ist zu hören. Wie wahr – wenn man die geballte Intelligenz und Kompetenz, die hier versammelt ist, betrachtet.
Doch die Ausstellung, deren Hauptkuratorin Dr. Antje-Britt Mählmann ist, beleuchtet noch weitere Facetten des Werkes von Mueller-Stahl. Eine weitere Reihe entstand während seiner Filmaufnahmen. So etwa zu Illuminati“ nach dem Buch von Dan Brown“, in dem Mueller-Stahl den Kardinal Strauss spielt, einen „Strippenzieher“, wie der Schauspieler ihn selber nennt. Ein Gemälde, das daraus entstand, zeigt einen Schemen, eine Gestalt im Habit, deren Konturen sich schattenhaft wie im Nebel abbilden, ein flüchtiger Eindruck von etwas Lebendigem. „Camerlengo im Zwielicht“ titelt Mueller-Stahl – und meint das offenbar in ganzer Doppeldeutigkeit des Begriffs.
Eine dritte Werkgruppe nennt sich „Selbst in …“. Dabei handelt es sich nicht um Porträts oder Darstellung von erlebten Situationen, sondern um Emotionen, die „ein merkwürdiges Eigenleben führen“, wie es die beiden Kuratorinnen Beate Kernfert und Kristin Schrader in ihrem Katalog-Beitrag ausdrücken. „Im Wechselspiel von Text und Bild, das für Mueller-Stahls Malerei so typisch ist, reflektiert er seine Erinnerungen und unterstreicht seine Gefühle.“
Und dann gibt es in einem weiteren Teil der Präsentation Politikerköpfe und Kommentare zum Tagesgeschehen, die Aktualität beweisen, denn Mueller-Stahl steht täglich in seinem Atelier und malt. Warum hat er sich im hohen Alter gerade auf dieses Feld seiner Möglichkeiten entschieden hat, kann man aus einem 17-minütigen Interview heraushören, das die Journalistin Hilke Theessen mit ihm geführt hat. Für das Komponieren benötige er Musiker. „Zum Malen brauche ich gar nichts. Nur einen Pinsel, ein bisschen Farbe und einen Einfall.“

► Kuratiert wurde die Ausstellung von Dr. Antje-Britt Mählmann, Direktorin Museum Schloß Moyland, die ihre Ausbildungszeit als wissenschaftliche Volontärin in der Emder Kunsthalle erlebte, von Kristin Schrader (Kunsthalle Emden) und Beate Kernfert (Kunst- und Kulturstiftung Opelvillen Rüsselsheim)
► Die Ausstellung „Nacht und Tag auf der Erde“ ist bis zum 12. April in der Kunsthalle zu sehen. Der Katalog ist für 28 Euro an der Museumskasse zu bekommen
► Begleitprogramm: eine Filmreihe „Armin Mueller-Stahl im Film beginnt am 15. November um 14 Uhr mit „Utz“. Die Reihe „Literatur trifft Kunst“ beinhaltet drei Veranstaltungen zu Büchern von Mueller-Stahl sowie zum Dr. Faustus von Thomas Mann
Das Interview mit Mueller-Stahl ist in einem gesonderten Raum in der Kunsthalle zu sehen

