Zwölf Regalreihen für eine Bücher-Stiftung

Die Johannes a Lasco Bibliothek ist 30 Jahre alt. Sie beinhaltet unter anderem die ehemalige Bibliothek der Großen Kirche, die 1559 begründet wurde. Wie war das damals, als alles begann? Eine Fiktion auf der Basis von Fakten

Emden. Gerhard Mortaigne ist hochgradig betrübt. Und er ist wütend. Hat er nicht immer wieder angemahnt, die Angelegenheit endlich zu regeln und eine Lösung zu finden? Seit elf Jahren liegt dem humanistisch gebildeten Emder Bürger die Sache nun auf der Seele. Und was ist passiert in all den Jahren? Nichts!

Zwischen historischem Mauerwerk und modernen Regalsystemen können Leser Platz nehmen. Bilder: Wolfgang Mauersberger

Die Verantwortung für die kostbaren Bücher seines 1559 verstorbenen Freundes und Vermieters Gerhard tom Camp trägt Gerhard Mortaigne seither. Natürlich, die Verwahrung dieses Schatzes war nicht nur eine Last. Nutznießen kann ein gebildeter Mann wie Mortaigne natürlich davon. Und dass er wirklich gebildet ist, dass beweist doch wohl das Geschenk des großen Humanisten Erasmus von Rotterdam, der ihm ein wertvolles Buch überließ, den Wolfenbütteler Agrimensoren Codex, der das gesamte Wissen der Landvermesser in einem Handbuch bewahrt. 15 Jahre ist das jetzt her, erinnert sich Mortaigne versonnen.

Doch jetzt dies. Die Allerheiligenflut von 1570 ist über die Küstenländer gezogen und hat auch in Ostfriesland schwerste Schäden hinterlassen. Die Wasser flossen schneller ins Haus, als man die Räume leeren konnte. Sich selbst hatte Mortaigne ja noch in Sicherheit bringen können, aber sein Wertvollstes, die Bücher des Freundes – sie sind durchfeuchtet, das kostbare Pergament vom Unrat, den das Meer in die Stadt gespült hat, beschmutzt, die Farben der zarten Zeichnungen – verlaufen. Das bedruckte Papier im Zustand der Auflösung. Es ist nicht zu fassen – seine Bücher und die des Freundes – verdorben. Die Flut hat keinen Unterschied gemacht.

Historische Bücher in der Bibliothek

Mortaigne ist verzweifelt. Hatte ihm tom Camp doch auf dem Totenbett angewiesen: „De Boeken sullen de Deneren van de Gemeene heven.“ Und so stand es auch in seinem Testament. Der Umsetzung dieses Vermächtnisses läuft Mortaigne nun schon seit Jahren hinterher. Mal fehlt der Platz, mal ist niemand zu finden, der sich um die kostbare Bibliothek von Drucken, Handschriften und Inkunabeln kümmern kann. Mortaigne hat in dem zurückliegenden Jahrzehnt gar den Eindruck gewonnen, die Kirche wisse nicht, was sie überhaupt mit den Büchern anfangen soll.

Dabei hatte van Camp, der selber Kirchenältester gewesen war, alles gut vorbereitet. Eine Predigerbibliothek zu begründen, hatte er wohl im Sinn gehabt. Denn tom Camp machte sich als Kirchenältester besonders durch seine Fürsorge für die Ausbildung von Predigern für die bedrängten Niederlande und durch die Vermittlung der lebhaften Korrespomdenz der Prediger mit den Schweizern sowie durch Visitationen nach den Niederlanden verdient“, berichtet mehr als 360 Jahre später der Emder Pastor Ernst Kochs in einer Publikation über „Die Bibliothek der Großen Kirche in Emden“, die 1937 erschien.

Blick in das nördliche Seitenschiff mit den öffentlich zugänglichen Büchern

Ob tom Camp mit seiner Stiftung, wie es Kochs vermutet, dem Beispiel des Groninger Rektor Wilhelm Frederiks folgte, der schon 1525 seine Bibliothek der Martini-Kerk vermachte, werde wohl nicht zu klären sein. Doch eines sei sicher: Die Kirche ist Adressatin der Wünsche, die Bücher aufzunehmen.

So unternimmt Mortaigne einen letzten Versuch. Noch einmal wendet er sich an den Emder Kirchenrat – und der reagiert. Endlich! Am 13. November 1570 protokolliert man: „So ist voer idt beste angesien dat de gute boeken hyr up idt Consistorium gebracht worden, und de gans nicht doegen, dat men de enwech werpen sall.“ Zugleich findet der Kirchenrat auch eine Lösung bezüglich der Betreuung der Bücher. Erster „Boekverwarer“ wurde der Rektor der Lateinschule und Kirchenälteste Martin Berner, der das Amt fünf Jahre lang bis 1575 inne hatte.

Heute befinden sich nur noch sieben Bücher des Kirchenältesten Gerhard tom Camp in der Jphannes a Lasco Bibliothek. Wie viele es ursprünglich waren, ist nicht mehr nachvollziehbar. Ob die Bücher tom Camps nun wirklich den Grundbestand einer wachsenden Bibliothek an der Großen Kirche darstellen? Der Bibliothekar N. Viëtor macht 1836 deutlich, dass es schon in katholischer Zeit eine Bibliothek gegeben haben müsse. Darauf verweise das Rechnungsbuch des Probstes Poppo Manninga.

Strenge Symmetrie: Blick aus dem Mittelschiff ins südliche Seitenschiff

Demnach wurden den Chorherren des Klosters Sielmönken 1517 für das Binden von 84 großen und kleinen Büchern aus dem Besitz der Großen Kirche 38 rheinische Gulden gezahlt. Auch findet sich ein Verweis darauf, dass der Buchbestand insgesamt wohl größer war, denn mehr als 20 Folianten sollen noch ungebunden liegen – „noch wohl 20 oft mer ungebunden synt“.

Ernst Kochs, damals noch Vikar, der sich im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts ausführlich mit der Bibliothek der Großen Kirche beschäftigt hat, zieht den Schluss: „Da die zum Altardienst bestimmten, in demselben Kloster geschriebenen Bücher (Missale, Antiphonar, Psalter) besonders aufgeführt sind, kann es sich bei obengenannten nur um einen Teil einer wissenschaftlichen Kirchenbibliothek handeln.“ Insbesondere verweist Kochs auf Parallelen zum Nachbarland Holland. „In den Niederlanden hatte nicht nur jedes größere Kloster seine Bäckerei, sondern es gab auch keine größere Pfarrgemeinde ohne eigene Bibliothek.“

Da wäre es verwunderlich, wenn eine katholische Pfarrgemeinde von der Größe der Emder nicht auch eine Kirchenbibliothek gehabt hätte. Dies scheint – nach Kochs – umso wahrscheinlicher als in der Großen Kirche mit ihren damals dreizehn Altären auch dreizehn Priester Dienst taten. Für deren geistige Bedürfnisse allein müsse schon eine angemessene Bücherei Sorge getragen haben. Allein, es habe wohl keinen eigenen Raum für die Bücher gegeben.

Schmiedeeiserner Durchgang zum Bereich des Enno-Grabmals

Als dann aber 1575 die Witwe des an der Pest gestorbenen Albert Hardenberg 225 Bücher für die Bibliothek stiftete – Hardenberg-Freund Bürgermeister Petrus Medmann hatte ihr gemeinsam mit dem Kirchenrat kräftig zugeredet – da musste eine andere Lösung für die Aufbewahrung der Bücher gedacht werden – sie verlangten nach einem eigenen Raum.

Den gab es dann ab 1578. Da ließ der Kirchenrat in der Etage über der Konsistorienkammer einen Raum einrichten, der der weiterwachsenden Bücherei als dauerhafter Standort diente. Der Raum – fünf Meter hoch – bot nun auf elf bis zwölf Regalreihen Platz zum Aufbewahren der Bücher. Und um deren zahlenmäßige Aufstockung bemühte sich der Kirchenrat nun auch verstärkt.

1584 hinterließ der inzwischen verstorbene Bürgermeister Petrus Medmann 87 Bücher. Doch dann versiegte die Spendenfreudigkeit auch schon wieder. Ernst Kochs bedauert in seinem Aufsatz: „Die Freigebigkeit der ersten Begründer fand nicht die gewünschte Nachfolge.“ Erst 1627 erweiterten 27 Bücher des Predigers Friedrich Salmuth den Bestand. Im gleichen Jahr erklären die kirchlichen Diakonen ihre Bereitschaft, beim Ausscheiden aus dem Dienst der Bibliothek je ein Buch zu hinterlassen.

1995 eröffnet: die Johannes a Lasco Bibliothek in der Kirchstraße

Weiterhin gab es spezielle Ankäufe. Aber auch durch Stiftungen erweiterte sich die Bibliothek kontinuierlich. In der Mitte des 17. Jahrhunderts stimmt der Emder Magistrat zu, die städtischen Bücher, die auf dem Boden des Fleischhauses an der Großen Brückstraße als Stadtbücherei untergebracht waren, zur „Konsistorial-Bibliothek“ zu schaffen.

Um den Bestand der Bibliothek zu mehren, scheute man sich schon damals nicht, Methoden anzuwenden, wie sie auch heute noch üblich sind. Mittel für Neuerwerbungen wurden etwa durch den Verkauf von Doubletten bewerkstelligt. Dabei war stets die Weiterentwicklung der Bibliothek im Interesse des Kirchenrates. Ermöglicht wurde dies aber erst durch den fortwährenden Einsatz einzelner – mal mit List, mal durch Zufall begünstigt – einen stattlichen Buchbestand zusammengetragen. Eine Wertung dieser Sammlung hat die reformierte Kirche selber übernommen. In der Stiftungsurkunde der Johannes a Lasco Bibliothek steht geschrieben: „Die Emder Kirchenbibliothek ist die älteste Bibliothek Ostfrieslands. Sie dokumentiert fast 450 Jahre Buch- und Bibliotheksgeschichte Ostfrieslands und birgt heute den wertvollsten historischen Buchbestand im deutschen Nordwesten.“