Mal lyrisch, mal lärmig, immer grandios

Emden. Zwei großartige Schwergewichte der Musik des 19. und 20. Jahrhunderts brachte das Armenian State Symphony Orchestra ins Festspielhaus am Wall: Aram Khachaturians Violinkonzert in d-Moll und Tschaikowskis Jugendwerk, die 1. Sinfonie in g-Moll, mit der Opuszahl 13. Allein die Zahl der Musiker erzeugte dabei einen enormen Schwung: 80 Streicher, Bläser, Percussionisten ließen keine Zweifel aufkommen: Es ging hier um die Umsetzung kompositorischer Kraft, aber auch sensibel formulierter Lebensfreude. Bei Khatchaturian war es, wie er selber sagte, die glückliche Erwartung der Geburt eines Sohnes, Tschaikowski formulierte „Winterträume“, also landschaftliche Eindrücke, die dieser mal lyrisch, mal lärmig genussvoll ausbreitet.

Ein großes Ensemble in vielerlei Hinsicht: das Armenian State Symphony Orchestra unter Leitung von Sergey Smbatyan. Bilder Wolfgang Mauersberger

Dirigent Sergey Smbatyan gab sich sehr zurückhaltend, hatte sein Orchester aber derart im Griff, dass kleinste Fingerzeige genügten, um das Gesamt-Ensemble in Bewegung zu setzen. Er dirigierte ohne Stab, dafür mit lebhafter Gestik und wirkte manches Mal ähnlich entrückt wie die russische Musik es suggerieren mag. Das Ergebnis indes war bestrickend und überzeugend.

Violinist Darius Preuss spielte Khatchaturian – entrückt, aber mit viel Gefühl

Welch ein Solist! Violinist Darius Preuß ist erst 21 Jahre alt, hat mit vier Jahren mit dem Spielen begonnen und interpretierte Khatchaturian mit solcher Selbstsicherheit, dass man zu fragen geneigt war, welche Stufen komplexer Musik er noch zu steigen imstande ist. Er war musikalisch derart überzeugend, dass die Zuhörer ins Staunen gerieten. Seine Könnerschaft benötigte keine Effekte. Sie sprach für sich und ließ die schwierigen Melodieverläufe fließend und flüssig erscheinen, die Kadenzen leicht und luftig. Einfach wunderbar!


Wunderbar war auch seine Zugabe: Bach für Violine solo – ganz zart, wie hingehaucht und doch entschlossen in der Stärke des Ausdrucks.

Das Orchester brillierte mit Tschaikowski, erweckte die Winterträume zum Leben und zeigte sich in allen Registern dem hohen Anspruch der Musik und des Dirigenten gewachsen. Ein solch präzise agierendes, lebensvoll spielendes Orchester zu hören, bedeutet einfach nur Freude und Genuss. Als Zugabe gab es – den Säbeltanz von Khatchaturian. Was sonst? Aber auch da hatten die Armenier etwas Besonderes zu bieten.


Sergey Smbatyan gab den Einsatz, überließ aber ansonsten das Orchester sich selbst und lugte nur dann und wann hinter dem Vorhang hervor. Dass sich das Ensemble mit hohem Tempo, aber genauer Artikulation des melodisch nicht unkomplizierten Stückes blendend entledigte, spricht für Erfahrung und Übung. Für die – leider nur – 250 Besucher indes bedeutete dieser furiose Abschluss volles Vergnügen. Denn anders als im Violinkonzert fand man hier nun den Khatchaturian-Klang, der im Ohr ist, wenn man seinen Namen hört. Schade, dass der Komponist selber dem „Hit“ nicht eben geneigt war. Das allerdings hinderte die Emder keineswegs am begeisterten Applaus.

Das Emder Publikum war hingerissen und spendete reichlich Applaus