Späte Würdigung für eine Filmemacherin

Emden. Das Ostfriesische Landesmuseum thematisiert in einer neuen Ausstellung Leben und Werk der gebürtigen Emder Filmemacherin Helma Sanders-Brahms (1940 bis 2014). Damit würdige das Haus das Werk einer Frau, deren Filme in vielen Teilen der Welt Anerkennung fanden, die aber gerade in Deutschland bis heute kaum registriert werde, sagte der Kurator der Ausstellung, Filmemacher und Filmwissenschaftler Ayhan Salar. Er hat zudem eine Dokumentation zu Helma Sanders-Brahms gedreht, die direkt nach der Ausstellungseröffnung am Sonnabend, 8. Juni, gezeigt wird.

Thomas Mauch, Gregor Strelow, Dr. Johannes Janssen, Jasmin Alley, Professor Dr. Anne Sanders und Kurator Ayhan Salar. Bilder: Wolfgang Mauersberger

Helma Sanders Brahms, so erklärte ihre Tochter, Professor Dr. Anne Sanders, im Rahmen einer Pressekonferenz, sei in einem traumatisierten Land groß geworden, in dem die Männer in den Krieg zogen, die Frauen auf sich allein gestellt waren, die Kinder den Vätern entfremdet wurden. Das Bemühen, nach dem Krieg die Zeit – auch im Verhältnis zwischen Mann und Frau – zurückzudrehen, sei im Schweigen vergangen. Die Kindheit im Nationalsozialismus und in Trümmern, die sprachlosen Eltern, die sich voneinander entfremdeten, die Wirtschaftswunderjahre – das seien die Themen der Regisseurin gewesen. Damit aber sei sie in Deutschland den Menschen „zu nahe gekommen“, begründen die Tochter und der Kurator die latente Kälte, die ihr in Deutschland entgegenschlug.

Das sei in Frankreich ganz anders gewesen, fügte Thomas Mauch hinzu. Er war Kameramann vieler Sanders-Filme. In Paris wären zum Beispiel „Deutschland – bleiche Mutter“ wochenlang die Kinos ausverkauft gewesen, während er in Deutschland auf Ablehnung stieß. Gleichwohl sei ihre Mutter immer eine Emderin geblieben, fügte Anne Sanders hinzu, die darauf verwies, dass auch sie das Haus ihrer Großeltern nach wie vor erhalte und es nicht weggeben werde. Sie sei dankbar, dass dem Werk ihrer Mutter nunmehr Ehre widerfahre.

Kameramann Thomas Mauch, der viele Filme von Helma Sanders-Brahms drehte. Hier betrachtet er im Ausstellungsraum eine Fotosammlung

Dass Helma Sanders-Brahms „ihrer Zeit voraus“ gewesen sei, bestätigte Dr. Johannes Janssen von der Niedersächsischen Sparkassenstiftung. Diese ist – gemeinsam mit der Sparkasse Emden – größter Fördergeldgeber der rund 200 000 Euro teuren Ausstellung, erklärte Museumsdirektorin Jasmin Alley. Janssen machte deutlich, dass er anhand der Reaktionen seiner beiden Töchter auf die Ankündigung der Ausstellung registriere, dass die Themen der Filmerin heute noch aktuell seien. „Das gilt auch für die Bildästhetik der Filme.“


Er begründete auch, warum die Stiftung sich zur Förderung entschlossen habe. Es gehe dabei um die Qualität eines Werkes, das neun Dokumentarfilme, 16 Spielfilme, zahlreiche Bücher, Hörspiele und Hörbücher sowie mehr als 30 Konzeptionen und Drehbücher umfasse. Weiterhin anerkenne man damit die Länge der Ausstellungslaufzeit bis April 2025 und die zu erwartende Ausstrahlung der Schau. „Zudem gefällt es der Stiftung, wenn Museen neue Themen aufgreifen.“

Glücklich über die Anerkennung, die ihre Mutter mit der Ausstellung erfährt: Professor Dr. Anne Sanders

Kooperationspartner des Landesmuseums bei dieser Ausstellung ist die Abteilung Sammlungen und Ausstellungen der Stiftung Deutsche Kinemathek, die einen Teil des Nachlasses von Sanders-Brahms verwaltet. Deren Leiter, Peter Mänz, erklärte, dass man den Film „Deutschland – bleiche Mutter“, der am Anfang des „Neuen deutschen Films“ stehe, habe restaurieren lassen. Man könne ihn nunmehr in der Originalfassung präsentieren. Auch ein anderer Film von Sanders-Brahms, „Shirins Hochzeit“, liege in einer restaurierten Fassung vor.

Die Gesellschaft für bildende Kunst und vaterländische Altertümer beteiligt sich mehr als sonst an den Kosten der Ausstellung, wie Vorsitzender Gregor Strelow betonte. Möglich wurde dies durch eine Erbschaft, die der KUNST jüngst zufiel.

Biographische Informationen im Eröffnungsraum der Ausstellung. Das Kinderbild zeigt Helma Sanders als Siebenjährige

Die Ausstellung im Sonderausstellungsbereich wird dominiert von einem großen Tisch, auf dem eine Vielzahl von Fotos, Dokumenten, Rezensionen, Urkunden, Presseauszügen, Büchern ausgebreitet ist. Auch die zahlreichen Auszeichnungen der Filmemacherin sind hier zu sehen, desgleichen das inzwischen schwarz eingefärbte Brautkleid der Mutter. In sechs etwas abgeschotteten Kabinen werden kurze Ausschnitte aus unterschiedlichen Filmen fortlaufend gezeigt. Dazu gibt es Interviews mit Wegbegleitern, die über Helma Sanders-Brahms, aber auch über die Nachkriegszeit berichten. Ein Entree, das mit einem violetten Vorhang vom Ausstellungsbereich abgetrennt ist, zeigt zahlreiche Original-Filmplakate und einen Flug über eine Stadt des kriegszerstörten Deutschlands in Endlosschleife.

Ausstellung mit Labor-Charakter

► Eröffnet wird die Ausstellung am 8. Juni um 11 Uhr in der Rüstkammer des Ostfriesischen Landesmuseums. Um 13 Uhr wird erstmals der Dokumentarfilm „Helma Sanders-Brahms – Mutterland“ gezeigt.

► Am 9. Juni gibt es um 11.30 Uhr eine öffentliche Führung, erstmalig im Jasmin Alley. Dann jeden zweiten Sonntag im Monat. Jeden vierten Sonntag im Monat: öffentliche Führung auf Plattdeutsch

► Über das Jahr verteilt wurde ein umfangreiches Begleitprogramm zusammengestellt, das ab dem 21. Juli laufen wird